Schönhausener Schlossgespräche
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„glaubte ich von Tränen erstickt zu werden“

Corinna Harfouch & Robert Rauh

lesen aus den Briefen von Königin Luise

Mittwoch, 28. Januar 2015

 

 

Luise zu Wort kommen lassen

Corinna Harfouch und Robert Rauh erklärten gleich zu Beginn der Lesung, nicht herausfinden zu wollen, wie es wirklich gewesen sei. „Wie soll das auch gehen?“, zitierte offenbar unabgesprochen der Historiker die Schauspielerin, die aber zustimmend ins Publikum lächelte. Man wolle Luise selbst zu Wort kommen lassen. Ihre Briefe sind zwar ein unschätzbares zeitgenössisches Dokument; aber es müsse einem jedoch bewusst sein, dass sie  nur eine Quelle - und nur eine Perspektive sind. Die der Königin. Und Luise war sich schon als Kronprinzessin ihrer Rolle sehr bewusst.

Über 800 Briefe existieren in den Archiven. Die vorgetragene Auswahl überzeugte. Auch die Erläuterungen zwischen den Briefen. Denn der historische Hintergrund ist äußerst komplex. Harfouch monierte an einer Stelle charmant: „Robert möchte immer, dass ich die Jahreszahlen mitlese.“ Er ließ das zunächst so stehen und konterte zwei Briefe und drei Jahre später, als sie sich mittendrin selbst unterbrach und erläuterte, dass nun schon wieder vier Monate vergangen seien: „Deshalb die Jahreszahlen!“ Zustimmendes Lachen im Publikum.

 

Schicksal und Schönheit
Die mecklenburgische Prinzessin Luise wird 1793 mit dem preußischen Thronfolger verlobt und wird nach ihrer Krönung 1797 durch die Napoleonischen Kriege eher zufällig auf die Bühne der europäischen Politik katapultiert. Ihr Schicksal und ihre Schönheit wurden für die Dichter der deutschen Romantik wie Heinrich von Kleist, Achim von Arnim oder August Wilhelm Schlegel zu einer künstlerischen Inspirationsquelle. Sie erzählen vom sagenhaften Leben der Königin und legten den Grundstein für den Mythos, der über Jahrhunderte tradiert wurde. Bis heute sind Menschen von ihr berührt und fasziniert.

Im Zentrum des Mythos steht die Flucht der Königin und ihrer Familie vor dem Eroberer Napoleon ins Exil nach Ostpreußen. Die „Königin der Herzen“ wurde nun auch zur verehrungswürdigen Dulderin. Erdulden musste sie vor allem die Schmähungen Napoleons, der sie zu einer blutrünstigen Amazone machte, „die den Völkern Preußens ebenso verhängnisvoll war wie die Helena den Trojanern“. Er gab ihr die Schuld am Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Preußen. Der Vorwurf setzt voraus, dass Luise Einfluss genommen hat - auf die Politik ihres Mannes, König Friedrich Wilhelm III. Das wäre jedoch ein Novum in der preußischen Geschichte. Ungeachtet dessen passt ein solcher aktiver Part auch nicht zu den unzähligen Überlieferungen der Künstler und Historiker, die ihr die weiblich-passive Rolle zuordnen, in der sie als Königin an der Seite ihres Mannes das Leid ihres Volkes teilte.
Aber schon Fontane konstatierte 50 Jahre nach ihrem Tod: „Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat Luise unter der Phrasenhaftigkeit ihrer Verherrlicher  zu leiden gehabt.“

Die Briefe an ihren Mann, König Friedrich Wilhelm III., den sie aufrichtig liebte, an ihrem Bruder Georg, dem sie sich zeitlebens verbunden fühlte, an Zar Alexander I., den sie verehrte, und an ihre Kinder, von denen einer König und ein anderer später Kaiser wurde, vermitteln in einer unbestechlichen Authentizität, was das Geheimnis der „Königin der Herzen“ (Schlegel) war: Natürlichkeit und Wärme, Leidensfähigkeit und Treue, Mut und Courage.
 
Stark trotz Schwäche
Corinna Harfouch und Robert Rauh hatten die Lesung in fünf Teile strukturiert. Und sich langsam dem finalen Höhepunkt genähert: der Begegnung zwischen Luise und Napoleon. Bonaparte ist schon vorher ständig präsent. Luise bedauert ihren Mann, dass er das „Ungeheuer“ treffen müsse – ohne zu ahnen, dass sie ihm kurz darauf selbst begegnen würde. Wenn es eine „Kriegspartei“ am preußischen Hofe gegeben hat, dann gehörte Luise nach ihren Statements zum Konflikt mit Frankreich ohne Zweifel dazu. Zunächst steht nur zwischen den Zeilen, dass sie häufig anderer Meinung ist als Friedrich Wilhelm III. Nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 wird sie immer deutlicher. Sie drängt ihn, bei den Friedensverhandlungen nicht weich zu werden. Als Preußen die Hälfte seines Gebietes verliert und zur europäischen Mittelmacht zurückgestuft wird, überzeugt sie den König, den Überlegungen für eine Abdankung nicht weiter nachzugehen. Obwohl sie körperlich immer mehr leidet und psychisch an dem Schicksal Preußens fast zerbricht, bleibt sie die starke Stütze an der Seite ihres schwachen Mannes.

Ausgerechnet während ihres lang ersehnten Besuches beim Vater auf Schloss Hohenzieritz bei Neustrelitz stirbt Luise am 19. Juli 1810 in den Armen ihres Mannes. Ihr Gesundheitszustand hatte sich aufgrund einer Lungenentzündung dramatisch verschlechtert.  Drei Wochen zuvor hatte Luise ihrem Mann im Schloss die Zimmer ihres Vaters gezeigt. Als sie an dessen Schreibtisch vorbeikamen, entdeckte sie einen Briefbogen und schrieb einen kurzen Gruß an ihren Papa. Es sind die letzten Zeilen von Luise. Während Rauh die Informationen über ihr Leiden im sachlichen Bulletin-Stil vortrug, las Harfouch die Zeilen fast heiter:

Mein lieber Vater! Ich bin heute sehr glücklich als Ihre Tochter und als die Gattin des besten Ehemannes!


Manuela Stein

 

 

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