Schönhausener Schlossgespräche
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Sigrid Damm

Schriftstellerin
Dienstag, 11. November 2014

 

Mit Dank für die schöne Atmosphäre bei der Lesung am 11. November und
Herrn Rauh einen besonderen Dank für seine Fragen und die Moderation.
Herzlich Sigrid Damm

 

 

„Mit Goethe wollte ich eigentlich nichts zu tun haben.“

Sigrid Damm kam zwar schnellen Schrittes durch die Tür und lächelte freundlich in den applaudierenden Saal, aber ihr Habitus verriet: Sie wollte unverzüglich auf die Bühne und gleich mit dem Lesen beginnen. Dass die Autorin lieber aus ihren Büchern lese, als über sie zu sprechen, hatte Moderator Robert Rauh bereits in seiner Begrüßung gesagt. Daher hätte man sich vor der Veranstaltung, die ja „Schlossgespräche“ heißt, auf ein Kompromiss geeinigt: Sigrid Damm werde sowohl aus ihrem neuen Buch „Goethes Freunde in Gotha und Weimar“ lesen als auch ein Gespräch führen. Und sie ließ sich auf Fragen ein, die nicht nur ihre neue Veröffentlichung betrafen, sondern einen weiten historischen Bogen schlugen, in dem Rauh geschickt biografische Bezüge Damms einzuflechten verstand.

 

Zum Buch verführt

Sigrid Damm berichtete zunächst, dass sie der Gothaer Oberbürgermeister Kreuch zu dem neuen Buch verführt habe. Regelmäßig hätte der Oberbürgermeister, der der Autorin 2010 auch die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen hatte, ihr Archivkopien oder Nachdrucke mit Bezügen zu Goethe und Gotha untergeschoben. Abgesehen davon habe sie ein Buch über ihre Kindheit in Gotha begonnen. Sie wollte „in einer Art nachgetragener Liebe“ vor allem über ihren Vater (1903-1993), der alle Systeme des letzten Jahrhunderts von der Kaiserzeit bis zum wiedervereinigten Deutschland erlebt hat, die Geschichte ihrer Heimatstadt erzählen. Ein Kapitel sollte Goethe vorbehalten sein. Aber wie das immer bei Goethe sei: „Es ufert ständig aus. Man weiß nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll.“ Und dann habe Sigrid Damm gemerkt, es passe einfach nicht in das Buch über ihren Vater und ihre Kindheit.
 
Geruch der Angst

Die Schriftstellerin ist mitten im Zweiten Weltkrieg geboren (1940) und hat sehr sinnliche Erinnerungen an die Bombennächte, die für sie als Kind auf der einen Seite spannend gewesen seien: Man wäre aus dem Bett geholt und in den Keller getragen worden. Andererseits erinnere sie sich auch an den „Geruch der Angst“ und an das Gefühl, das ihr das unangenehm gewesen sei. Einmal hätte ein junger Soldat gerufen: „Jetzt sind sie über uns. Jetzt sterben wir.“ Und sie sah in die entgeisterten Gesichter ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer drei Jahre älteren Schwester. Lange Zeit konnte sie nicht verstehen, wie ihre Eltern mitten im Krieg ein Kind zur Welt bringen konnten. „Einmal habe ich das auch meinem Vater gesagt“ (sie sagte nicht „vorgeworfen“); dafür schäme sie sich heute.

 

Wollte Goethe nach Gotha wechseln?

Goethe in Gotha sei ihr erstmals begegnet über ihren Vater, der ständig Zitate des Dichters im Munde führte. Was Tochter Sigrid immer gestört habe. Am Gothaer Rathaus gab es einen schönen Goethe-Spruch: „Immer strebe zum Ganzen und, kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an!“ Sie fand, der passe „so richtig zur DDR“. Ihr Vater hat ihr den Spruch vorgelesen und sie musste ihn nachsprechen. Gehasst habe sie den Spruch. Und dessen Verfasser. Sie wollte mit Goethe eigentlich nichts zu tun haben. Es kam ja anders.
Nach einigen Goethe-Büchern, darunter das erfolgreiche Werk „Christiane und Goethe“, erschien in diesem Jahr nun „Goethes Freunde in Gotha und Weimar“. Ausgangspunkt der literarischen Spurensuche ist die Frage: Was wäre passiert, wenn Goethe nach seiner Italienreise im Kontext seiner existenziellen Krise nicht nach Weimar zurückgekehrt, sondern nach Gotha gewechselt wäre? Dem Gothaer Herzog hatte der junge Goethe einst seine Dienste angeboten. Wäre dann das thüringische Gotha der Ort für die „Weimarer Klassik“ geworden?
Auf Spekulationen lässt sich Sigrid Damm allerdings nicht ein, sondern besticht erneut durch eine detailgetreue Recherche. Rauh wollte jedoch mit einem Verweis auf die vorgelesene Einleitung, dass bereits die Zeitgenossen in Thüringen darüber spekuliert hätten, wissen: Gibt es Belege, dass der Hof in Gotha ernsthaft mit dem Gedanken spielte, Goethe für sich zu gewinnen? Damm verneinte das, schloss jedoch nicht aus, dass ein solcher Hinweis noch in den Archiven schlummere. Aber sie wollte nicht weiter suchen. Schließlich habe die Autorin noch anderes vor und wolle „nicht so viel Archivstaub schlucken“. 
Mehr gereizt habe sie darzustellen, wie unterschiedlich die beiden Herzogtümer Weimar und Gotha waren. Und zu zeigen, wie Goethe „manchmal dazwischen stand“. Das ist der Autorin in ihrem Buch auch gelungen. Ernst II. regierte schon drei Jahre, als Goethes junger Herzog Carl August 1775 mit 18 Jahren die Alleinherrschaft an der Ilm übernahm. In Gotha richtete man sich streng nach der Etikette; die funktionierte offenbar tadellos. Allerdings zog es auf Schloss Friedenstein wie Hechtsuppe - das habe Sigrid Damm als Kind 200 Jahre später noch gespürt. Der Dichter liebte dagegen die Wärme; so nahm er Einladungen nach Gotha im Winter nicht gern an. Damm vermutet aber, dass es womöglich auch einen anderen Grund gab: Goethe wollte in Ruhe arbeiten. Dennoch war Goethe oft und gern in Gotha. Herzog Ernst II. und Goethe verband vor allem das gemeinsame Interesse an Kunst und den Naturwissenschaften.

 

Keiner hat Napoleon an der Grenze abgeholt 

Auch in ihrer Haltung zur Französischen Revolution und zu Napoleon unterscheiden sich Gotha und Weimar. Ernst II. überlegte sogar abzudanken und sah sich nach Grundstücken in Amerika um. Streng vertraulich natürlich. Sein Sohn, der junge Herzog Emil August (seit 1804), war ein glühender Anhänger Napoleons. Empfing Bonaparte und huldigte ihm. Und stellte sich nicht wie Carl August auf die Seite Preußens. Daher musste Gotha keine Kontributionen zahlen, was die Weimarer maßlos empörte. Aber Weimar verhielt sich diplomatisch auch nicht besonders geschickt. Carl August war nicht in der Stadt, als Napoleon das erste Mal nach Weimar kam - und der Frau des Regenten sagte: „Madame, ich werde Ihren Mann vernichten.“ Und als Napoleon 1807 auf dem Rückweg nach Paris erneut nach Weimar will, nimmt ihn an der Grenze niemand in Empfang. Obwohl man dort eine Bittschrift um Erlassung der Kontributionen vorbereitet hatte. Der Apparat des Herzogs sei so schwerfällig gewesen, sagt die Autorin fast entschuldigend. Goethe ist aber verantwortlicher Staatsminister.

 

Napoleon und Faust II

Bis an sein Lebensende hat Goethe Napoleon bewundert. Dazu bringt Sigrid Damm zwei Zitate in ihrem Buch. Napoleon sei, so äußert sich Goethe gegenüber Eckermann, einer der produktivsten Menschen. Und: „Faust bringt mich dazu, wie ich von Napoleon denke und gedacht habe.“ Die Autorin kommentiert die Zitate nur mit „rätselhaft“. Rauh fragt wohl wissend, ob der Leser hier interpretieren soll. Ohne zu überlegen bejaht das die Autorin. Ob er es dann mal versuchen solle? Erneut ein schnelles Ja. Dann lehnt sich Damm milde lächelnd und erwartungsvoll zurück. Rauh sei natürlich vorbereitet, da er sich mit einer Freundin vorher darüber ausgetauscht habe. Und versucht sich in einer Interpretation, über die Sigrid Damm anschließend befindet: Sie gehe in die richtige Richtung. Napoleon und Faust verbindet die bürgerliche Produktivität, für die sie als Herrscher (bei Faust der Kaiser) auch skrupellose Gewalt anwenden, die auch Menschenopfer fordert. Goethe ermögliche die Arbeit am Faust, Napoleon in seiner Widersprüchlichkeit zu erfassen.

 

Marcel Reich-Ranicki lobt Damms Zitieren

Zur Arbeitsweise Sigrids Damms thematisiert Rauh die Zitiertechnik. In ihrem Buch „Wohin mit mir“ berichtet die Autorin über die Besprechung ihres Buches „Christiane und Goethe“ in der legendären TV-Sendung „Literarisches Quartett“ (1999). Sie sah sich die Sendung erst auf einer Videokassette in Rom an und war erfreut über ein Detail, das ihr bis dahin niemand berichtet hatte. Marcel Reich-Ranicki lobte in seiner Hymne über das Buch die Art des Zitierens. Damm habe das gefreut, „weil es für meine Arbeit so wichtig ist“. Sie verwende so viele Zitate, um das Material sprechen zu lassen.
Den Vorschlag Rauhs, beim Vorlesen jemand anderes die Zitate vorlesen zu lassen, damit man wisse, ob Goethe oder Sigrid Damm spreche, wies die Autorin zurück. Das könne man ja nachlesen. Und stellte freundlich, aber bestimmt klar: „Bücher sind eigentlich zum Lesen und nicht zum Vorlesen da.“ Ein Buch nur mit Zitaten wie Walter Benjamin es träumte, wolle sie jedoch nicht schreiben: „Ich möchte zwischendurch schon anwesend sein.“
Rauh versuchte Damm auch zu kategorisieren. Ihm sei bei der Vorbereitung des Gesprächs aufgefallen, dass Sigrid Damm in Lexika meist als Schriftstellerin bezeichnet werde, in anderen Nachschlagewerken als Literaturwissenschaftlerin und Historikerin. Sigrid Damm neigte sich grinsend zum Mikrofon: „Das dürfen Sie mich doch nicht fragen.“ Applaus im Saal. Dennoch räumte sie ein, dass sie bei der Arbeit an einem Buch beides sei: zunächst die Wissenschaftlerin, die recherchiert. Und wenn das Material gesichtet sei, beginne die Erzählerin zu schreiben; dann müsse die Wissenschaftlerin verschwinden.

 

„eine reine Lüge“

Sigrid Damm hat nach dem Abitur Geschichte und Germanistik in Jena studiert. Zunächst war sie abgelehnt worden (kein Arbeiterkind), aber ihre Mutter wollte das nicht akzeptieren. Die Mutter konnte trotz Einser-Abitur nicht (Mathematik) studieren, weil sie in der Firma ihres Vaters arbeiten musste. Ihre Tochter sollte auf jeden Fall an die Uni. Also fuhr sie nach Jena und setze – wie auch immer – durch, dass ihre Sigrid studieren durfte. Parallelwelt DDR. Nach dem Studium arbeitete sie im Ministerium für Kultur und war zunächst in einer Gruppe, die Analysen zur DDR-Literatur erstellte. Dann war sie für die Kunst- und Musikverlage zuständig. Das war eine gute Lernzeit, meinte die Autorin. Und ergänzte klarstellend: „Im negativen Sinne!“ Weil sie sehr schnell begriffen hätte, dass „die Einheit von Partei und Künstlern eine reine Lüge war“. Ihr Dilemma: Sie sei auf der Seite der Schriftsteller gewesen. 1978 gab sie ihre Arbeit im Ministerium auf. Auslöser sei die Ausbürgerung Biermanns gewesen. Viele Schriftsteller waren daraufhin in den Westen gegangen. So auch Sarah Kirsch, mit der sie befreundet war. „Mir klar geworden: Da muss man jetzt einen Schnitt machen.“ Und ihr Mentor Franz Führmann kommentierte treffend: „An den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen“.
 
In Lenz fand sie sich wieder

Sigrid Damm schlug alle Angebote aus, in einen Verlag zu wechseln, sondern ging auf den „Nullpunkt zurück“. Sie wurde eine Freiberufliche, brauchte aber – um nicht als asozial zu gelten – eine Steuernummer. Dafür wiederum einen Auftrag. Der Reclam-Verlag in Leipzig schlug ihr vor, eine Hoffmannsthal- oder Goethe-Ausgabe zu machen. Damm wollte jedoch Lenz machen. Der Verlag meinte, das verkaufe sich nicht. Sie blieb bei Lenz, denn Goethe hätte in der DDR auf dem Sockel gestanden und sie wollte über jemanden schreiben, „der nicht oben stand, sondern der unten war – der nicht mit den Verhältnissen klar kam. In ihm habe ich mich wiedergefunden.“ Neben dem Buch über Jakob Michael Reinhold Lenz arbeitete Damm sieben Jahre an einer Lenz-Werkausgabe. Dass sie das gemacht habe: „Da fasse ich mich heute an den Kopf“. Denn sie sei auf ungeahnte Schwierigkeiten gestoßen. Nur ein Beispiel: Man durfte in der DDR nur 20 Seiten pro Monat kopieren. Sie musste also viel abschreiben. Allerdings freue sie sich, dass diese Ausgabe bis heute von Studenten und Theaterleuten genutzt werde. Auch von Deutschlehrern, ergänzte Rauh schmunzelnd und erntete Applaus. 
Das Lenz-Buch mit dem wunderbaren Titel: „Vögel, die verkünden Land“ (1985) sei bis heute ihr Lieblingsbuch. Weil es ihr erstes war und weil sie ihren Schreibstil gefunden habe. Außerdem reiste sie ins Baltikum - an die Originalschauplätze. Eva Strittmatter hätte sich  beim Schriftstellerverband für die Reise in die ehemalige Sowjetunion eingesetzt. Dort sei ihr bewusst geworden, „wie wichtig für mich die Orte der Menschen sind, über die ich schreibe“.

 

Faszination Lappland

Am Ende ging es um einen Ort, an dem Sigrid Damm das findet, was man ihr bei öffentlichen Lesungen nicht bieten könne  - und wolle, erklärte Moderator Robert Rauh bereits in seiner Einführung: Ruhe, Einsamkeit und niemand, der ihr Fragen stellt. Lappland. Ihr Sohn Joachim war nach der Wende nicht nach Sylt oder Italien gefahren „wie die meisten“, sondern in den hohen Norden. Habe begeistert berichtet und sich dort auch ein Holzhaus gekauft. Sie sei ihn dann besuchen gefahren, nur um zu sehen, „was der verrückte Kerl dort macht“. Sie sei geblieben und habe dort schließlich „Christiane und Goethe“ geschrieben. In Weimar habe sie recherchiert, aber beim Schreiben brauche sie Abstand – und eine Landschaft. Weil sie diese Landschaft so faszinierte, entstand daraus gleich ein weiteres Buch: „Tage- und Nächtebücher aus Lappland“ (2012), das sie zusammen mit ihren Söhnen herausgegeben hat. Ein Experiment. Für die Familie. Und den Verleger Siegfried Unseld, der sie aber unterstützt hätte, obwohl er skeptisch war und ihm einige Fotocollagen „zu experimentell waren“.  
Ein wunderbare Zusammenarbeit mit den Söhnen; man habe sich noch einmal ganz anders kennen gelernt.

 

Im Leben nicht abarbeiten

Am Schluss wollte Rauh in Erfahrung bringen, woran die Autorin gerade arbeite. Und bemühte ein Zitat von Sigrid Damm: „Ein Buch beginnt immer im anderen.“ Trocken antwortete sie: „Das werden Sie erfahren, wenn das neue Buch fertig ist.“ Dann unterstützte Medienassistent Matthias Pasler den Moderator mit einem Foto auf der Leinwand. Es zeigte eine Reinigungskraft, die von einer Hebebühne mit einem langen Besen das Goethe- und Schillerdenkmal in Weimar säuberte. Ob es denn noch genug Themen über den Dichterfürsten gäbe? Sigrid Damm bejahte das und berichtete, sie habe eine Liste erstellt. „Aber die kann ich im Leben nicht abarbeiten.“

 

Christian Wagenburg

 

 

Zur Biografie

 

Die akribischen Recherchen der promovierten Literaturwissenschaftlerin und Editorin Sigrid Damm über Goethes personales Umfeld, wie Cornelia Goethe, „Christiane und Goethe“, Ottilie von Goethe sowie Lenz und Schiller, sind „eine Mischung aus Objektivitätsverlangen und subjektiver Anteilnahme“ (FAZ) – und sie sind zu Bestsellern geworden. Ausgangspunkt der literarischen Spurensuche in ihrem neuen Buch ist die Frage: Hätte nicht auch das thüringische Gotha der Ort für die „Weimarer Klassik“ werden können? Dem Gothaer Herzog hatte der junge Goethe einst seine Dienste angeboten. Und der alte Goethe schrieb, „oft und gern“ sei er in Gotha gewesen, an seine Besuche würden „sich die reichsten Erinnerungen eines langen Lebens knüpfen“. Die in Gotha geborene Sigrid Damm enthüllt „ein weitgehend unbekanntes Kapitel in Goethes Biografie und fügt ihr eine neue aufregende Farbe hinzu“ (Suhrkamp Verlag).

 

 

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