Schönhausener Schlossgespräche
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Carmen-Maja Antoni und Robert Rauh

lesen zum 70. Geburtstag von Christoph Hein

Die wundervolle Welt der Literatur des Christoph Hein

„Wir befinden uns in einem Schloss und ich glaube es ist der beste Ort für Christoph Hein“, begrüßte Carmen-Maja Antoni die Gäste. Die Schauspielerin und der Moderator Robert Rauh hatten anlässlich des 70. Geburtstages von Christoph Hein zu einer Lesung ins Schloss Schönhausen geladen. Der Jubilar gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern und Essayisten. Nach dem stimmungsvollen Gesangsauftakt mit What a wonderful world – eindrucksvoll interpretiert von Andreas Gerich - tauchten die beiden Lesenden ein in die „wundervolle Welt der Literatur des Christoph Hein“. Zwischen den vorgetragenen Auszügen kommentierten Antoni und Rauh charmant, witzig und kenntnisreich ihre durchaus gelungene Textauswahl, die sie pointiert in fünf Kapitel gegliedert hatten:

  1. Das Nachkriegskind
  2. Der Chronist
  3. Der Frauenversteher
  4. Der Kritiker
  5. Der Generationenvermittler
Die fiktive Autobiografie

Den Anfang machte Von allem Anfang an (1997), ein Roman, den Christoph Hein als seine „fiktive Autobiografie“ bezeichnet. Robert Rauh wollte von seiner Lesepartnerin wissen, warum Hein noch keine reale Biografie geschrieben habe. Trocken antwortete die Schauspielerin: „Er hat wahrscheinlich keine Zeit.“
Rauh zitierte dann Christoph Hein, der die Meinung vertritt, dass man Autobiografien nicht trauen dürfe, vor allem Autobiografien von Autoren. Die würden alle nur dazu dienen, das eigene Leben zu schönen. Und kommentierte: „Mal sehen, ob er das durchhält.“ Daraufhin erklärte Antoni, sie müsse sich da ohnehin raushalten; sie habe ja schließlich eine Autobiografie geschrieben.
Den Lesern würde Hein dagegen eine Menge zutrauen, führte Rauh fort. Der Dichter sei der Auffassung, dass er – wenn er eine Arbeit abgeschlossen habe - nicht mehr Rechte besitze als jeder anderer Leser. Er reihe sich sozusagen in die Schar der anderen Interpreten ein. Das sei ein literarische Prinzip von Christoph Hein: die Zurückhaltung in seinen Texten. Denn er möchte weder seine Leser noch seine Figuren belehren. Christoph Hein halte sich an Flaubert: „Der Schriftsteller müsse in seinem Werk sein wie Gott. Überall anwesend und nirgends sichtbar.“

 

Der Fall Horn
Nach dem Abitur an einer Ostberliner Abendschule begann Christoph Hein zu studieren, wurde von der Filmhochschule aber schon nach 14 Tagen exmatrikuliert. Damit war ihm in der DDR der Weg in alle anderen Kunsthochschulen versperrt. Einige Zeit arbeitete er in wechselnden Berufen als Montagearbeiter, Buchhändler, Regieassistent, Schauspieler, Journalist und Kellner. Auf Anraten seiner Frau studierte er dann Philosophie in Leipzig. Dort erfuhr Christoph Hein von einem Fall, der ihn interessierte, weil man ihn in der DDR offiziell verschwieg: Der Fall des Philosophen und Parteisekretärs Johannes Horn, der 1957 am Leipziger Philosophie-Institut zwangsemeritiert wurde und dann Selbstmord beging. Christoph Hein griff den Fall auf - ganz bewusst und provokant – um ihn nicht vergessen zu lassen. Rauh und Antoni hatten aus Horns Ende (1985) die Figur Kruschkatz ausgewählt – eine von fünf Perspektiven auf den literarischen Fall Horn. Zuvor informierte der Moderator über die ungewöhnlichen Umstände der Publikation des Romans: Heins Verleger kämpfte zwei Jahre um die Druckgenehmigung. Dann endlich der Anruf in der Druckerei, man habe die Genehmigung. Der Roman wurde gedruckt, kam 1985 in die Buchläden und war nach zwei Tagen ausverkauft. Das sei zu spät gewesen für ein nachträgliches Verbot, denn der Verleger hatte die Druckerei belogen. Es gab gar keine Genehmigung. Und niemand hatte das in Zweifel gezogen. „Die Wahrheit oder die Lüge, das ist die entsetzliche Verantwortung. Wer das wirklich begriffen hätte, würde keinen Schlaf mehr finden“, lässt Christoph Hein seinen Protagonisten Horn sagen.

 

Ist Christoph Hein ein Frauenversteher?

Mit der Novelle Der fremde Freund gelang Christoph Hein der Durchbruch. Sie erschien 1982 in der DDR und ein Jahr später in der Bundesrepublik unter dem Titel Drachenblut. Robert Rauh berichtete über die Entstehungsgeschichte des Textes. Der Schriftsteller Günther des Bruyn hätte seinen Kollegen gefragt: „Wie hast du diesen Text bloß durch die Zensur bekommen?“ Die Antwort sei simpel wie einleuchtend. Christoph Hein war damals noch nicht so bekannt. Daher waren die Behörden nicht so misstrauisch. Und als es hieß, dass etwas gestrichen werden sollte, tat der Dichter so, als sei er aufgeschlossen. Denn er wusste, dass das Streichen einzelner Sätze nichts ändern würde. Nichts ändern an der Grundstimmung der Novelle.
Das Besondere an dieser Prosa sei, dass Christoph Hein sie aus der Perspektive einer Frau geschrieben habe. Rauh erzählte, dass der Schriftsteller ein halbes Jahr probiert hätte, die Novelle aus der Sicht eines Mannes zu verfassen. Die Arbeit sei aufregend gewesen – begleitet von der Angst, sich damit unglaublich lächerlich zu machen. Dann wandte sich der Moderator wieder an die Schauspielerin: „Maja, du kennst ihn besser und du bist eine Frau. Ist Christoph Hein ein Frauenversteher?“ Schlagfertig antwortete die Antoni: „Also mich hat er immer verstanden.“ Und ergänzte unter dem Gelächter des Publikums, dass sie mit seinen klugen Ratschlägen eigentlich immer sehr gut gefahren sei. Sie verwies in diesem Zusammenhang auf einen Roman Paula Trousseau (2008). Eine Frauenfigur wie die Claudia aus Der fremde Freund, mit der sie sich gut identifizieren könne. Nach der Lektüre habe sie immer über das Glück reflektiert. „Wie schnell man durch die Gesellschaft etwas wird oder nichts wird. Und wie schnell man unglücklich wird, wenn man kein Glück hat. Das liebe ich sehr, wie Christoph das beschreibt. Also diese Gründlichkeit. Und das trotzdem jeder seine eigenen Gedanken darüber hat.“ Deshalb denke sie, dass er ein Frauenversteher sei. Und fügte schelmisch hinzu: „Kommt auf die Frau an.“ Rauh kommentierte lachend: „Das lassen wir mal so stehen.“ 
Anschließend lasen beide einen Textauszug aus Der fremde Freund, den Robert Rauh im Deutschunterricht behandelt und zusammen mit den Schülern für eine szenische Lesung umgewandelt hatte. Die Beschreibung einer Autofahrt der beiden Figuren Claudia und Henry wurde zu einem Dialog. Rhetorisch fragte Rauh ins Publikum: „Darf man das? Einen Text freundlich verfremden? Und dann noch von Christoph Hein?“ Als Lehrer dürfe man alles, um zu motivieren. Er präsentierte für die Verfremdung auch einen passenden fachdidaktischen Begriff: „gestaltende Interpretation“.

 

„Aber wir können das nicht drucken.“
Für den zweiten Teil ihrer Lesung hatten Antoni und Rauh drei Reden ausgewählt. Zunächst die viel beachtete Rede auf dem Schriftstellerkongress der DDR von 1987 gegen die Zensur. Das sei für die Partei- und Staatsführung ein Problem gewesen, betonte Rauh. Denn in der DDR gab es ja offiziell keine Zensur. Er zitierte Honecker, der nach der Wende in einem Interview erklärt hatte: „Wir hatten ja keine Zensur. (...) Bei uns gibt es sie nur Kraft des Bewusstseins.“ Und tatsächlich: In der DDR-Verfassung kommt das Wort nicht vor. Im Gegenteil! Artikel 27 garantierte das Recht auf freie und öffentliche Meinungsäußerung. Die Realität sah anders aus. Zensur hieß auf DDR-Deutsch: Druckgenehmigungsverfahren.
Dann berichtete er im Telegrammstil über die Hintergründe der Rede: Christoph Hein wurde ein halbes Jahr vor dem Kongress gefragt, ob er sprechen wolle. Er stimmte zu. Und schrieb 30 Seiten - für eine viertel Stunde. Das war natürlich viel zu lang. Vier Wochen vorher wollte man die Rede haben. Für die offizielle Genehmigung. Er vertröstete die Mitarbeiter immer wieder, bis man drohte, ihn von der Rednerliste zu schmeißen. Daraufhin strich er alles auf 10 Seiten zusammen und konzipierte die Rede so, dass es nicht gelingen würde, ihn nach 10 Minuten zu unterbrechen, weil die Kollegen rufen würden: Wir wollen das jetzt hören!  Christoph Hein redete eine Stunde. Und wurde nicht unterbrochen. Anschließend bot er die Rede DDR-Zeitungen zum Druck an. Dem Sonntag und auch dem ND. Drei Redakteure des SED-Zentralorgans kamen und sagten: „Herr Hein, wir denken wie Sie, aber wir können das nicht drucken.“

 

Ihre Gültigkeit nicht verloren
Dann las Antoni einen Auszug aus Heins Rede auf der legendären Berliner Demonstration am 4. November 1989, in der er ausgerechnet an Erich Honecker erinnerte, dessen Name auf dieser Kundgebung sonst niemand erwähnte. Hein sprach über Honeckers Traum, von dessen Erfolgen, dessen Fehlern und Verbrechen. Es gipfelte in der Aussage, Honecker wäre selbst „den verkrusteten Strukturen gegenüber fast ohnmächtig“ gewesen. Der Schriftsteller wollte mit diesem Exkurs davor warnen, „dass nicht auch wir jetzt Strukturen schaffen, denen wir eines Tages hilflos ausgeliefert sind“. Carmen-Maja Antoni findet, das Wunderbare an Christoph Heins politischem Denken wäre, dass er nicht übereifrig, sondern immer klug und besonnen sei. Spontanen Applaus bekam die Schauspielerin für ihren Nachsatz: „Wenn man sich überlegt, was wir für Erfahrungen gemacht haben in den vielen Jahren, in denen wir jetzt Bundesrepublik Deutschland sind, dann finde ich diese Rede interessant, weil sie ihre Gültigkeit nicht verloren hat.“

 

Philosophisches Extrakt

Der letzte Textauszug war zugleich der längste. Eine Rede, die die meisten nicht kennen würden, behauptete Robert Rauh zur Einführung. Auf geheimen Kanälen hätten sie erfahren, dass die Rede Über die Schädlichkeit des Tabaks für die Abiturienten des Jahrgangs 2009 Christoph Hein besonders liebe. Etwas hilfesuchend sah Rauh zunächst ins Publikum zu Christoph Hein, der freundlich aufblickte, dann zu Carmen-Maja Antoni, um sie zu fragen, warum diese Rede so eine Bedeutung für den Schriftsteller habe. Das wisse sie nicht, antwortete die Schauspielerin, „Aber mir bedeutet sie sehr viel.“ Durch diese Rede habe sie begriffen, warum Christoph Hein Philosophie studiert hat, was er da gelernt und gedacht hat. Am liebsten würde sie beantragen, dass diese Rede in jedem deutschen Lesebuch als Vorwort steht; „damit man einfach weiß, was die künftigen Generationen noch zu erwarten haben“. Rauh versicherte daraufhin, diese Anregung an die Schulbuchverlage weiterzugeben. Antoni reagierte erfreut: „Ja bitte, du bist Lehrer. Du kannst das.“
Als Bonbon rezitierten Antoni und Rauh „zusammenfassend“ ein selbst verfasstes Gedicht aus Titeln von Christoph Heins Werken. Und riefen am Ende im Chor: „Schreib` Siebzigjähriger!“ Begeisterter Applaus. Ein sichtlich gerührter Christoph Hein kam auf die Bühne und umarmte beide.

Manuela Stein 

 

Die Initiatoren der Lesung
lernten sich beim Schlossgespräch im Oktober 2013 kennen. Moderator Robert Rauh hatte Carmen-Maja Antoni am Ende der Veranstaltung mit Christoph Hein überrascht. Der las das Vorwort, das er für die Autobiografie der Schauspielerin Im Leben gibt es keine Proben (2013) geschrieben hatte.
Carmen-Maja Antoni stand bereits mit elf Jahren vor der Kamera und war mit 17 die jüngste Studentin an der Filmhochschule in Babelsberg. Am Berliner Ensemble ist sie heute die gefeierte „Brecht-Schauspielerin“. Und spielte darüber hinaus in unzähligen Film-, Fernseh- und Hörspielproduktionen, u.a. „Der Laden“ nach dem Roman von Erwin Strittmatter. Einem breiteren TV-Publikum wurde sie bekannt als Schwester von Horst Krause und als forsche Sekretärin von Iris Berben in „Rosa Roth“.
Robert Rauh studierte Geschichte, Germanistik sowie Archivwissenschaft und arbeitet als Lehrer, Seminarleiter und Autor in Berlin. Im Schloss Schönhausen konzipierte er die Ausstellung zur DDR-Geschichte und moderiert seit drei Jahren die „Schönhausener Schlossgespräche“ mit Prominenten aus Kultur, Politik und Wissenschaft. Zu Gast waren auch Carmen-Maja Antoni (2013) und Christoph Hein (2011).

 

 

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