Schönhausener Schlossgespräche
<<

 

„Wohin du willst, wohin du schreibst“

Corinna Harfouch und Robert Rauh

lesen Rosa Luxemburgs Liebesbriefe
Mittwoch, 15. Januar 2014

 

Rosa Luxemburg schrieb viel, leidenschaftlich, pointiert, meistens kompromisslos - und in fünf Sprachen. Überliefert sind nicht nur ihre politischen Aufsätze und Reden, in denen sich die kämpferische Sozialistin für die Rechte der Arbeiterschaft sowie gegen Ausbeutung und Krieg einsetzte, sondern auch ihre privaten Korrespondenz.

 

Publiziert sind ihre Briefe an den Berufsrevolutionär Leo Jogiches, der ihr erster Mann war und der sie „an diese verfluchte Politik schmiedete“; an den 15 Jahre jüngeren Studenten Kostja Zetkin, der ohne ihr Wissen vom SPD-Parteivorstand als Untermieter in ihrer Wohnung einquartiert worden war, als sie im Gefängnis saß; an den Anwalt und linken Sozialdemokraten Paul Levi, mit dem sie ein „ungehemmtes, schäumendes Leben“ genoss sowie an den Arzt „Hänschen“ Diefenbach, dem sie leidenschaftliche Briefe aus dem Gefängnis schrieb. Diese Briefe spiegeln die Sehnsüchte und Ängste, die tiefen Empfindungen und Verletzungen einer Frau wider, die auch im Privaten um ihr Glück zu kämpfen verstand. Mit dem Herzen!

 

Und Corinna Harfouch verstand es, mit ihrer Interpretation diese außergewöhnliche Frau lebendig werden zu lassen, ihr Gesicht und Stimme zu verleihen. Die treffend ausgewählten Briefe spiegelten die vielen Facetten wider: von streng und ungeduldig über zärtlich und überschwänglich bis hin zu zweifelnd und zagend. Harfouch gelang der rasche Wechsel dieser verschiedenen Tonlagen virtuos.

Robert Rauh übernahm den Kontext und leitete die Zuhörer mit pointierten und informativen Zwischentexten chronologisch von Lebensphase zu Lebensphase, von Liebhaber zu Liebhaber. Man erfuhr, welche Männer Luxemburgs Herzen erobert hatten, wie eng Privates und Politisches miteinander verwoben war – und wie sich das Verhältnis nach dem Liebes-Aus gestaltete. Nicht nur politisch. Leo Jogiches blieb sie zeitlebens verbunden, obwohl er zunächst seinen „Nachfolger“ nicht akzeptierte und ihr drohte. Mit Kostja Zetkin lebte nach der zweiten Trennung der vertraute Briefwechsel wieder auf. Paul Levi und Rosa Luxemburg blieben Freunde, sie siezten sich aber wieder.

 

Harfouch und Rauh verzichteten auch bei dieser Lesung nicht auf Anspielungen. Etwa wenn er betonte, dass Paul Levi die starke Persönlichkeit Rosas bewunderte – und dabei zu seiner Lesepartnerin schaute. Und als Rauh einen - von beiden zuvor gestrichenen Satz zu Rosas Revolver-Kauf (zum Schutz vor Jogiches) - dennoch vortrug, quittierte Harfouch diese Eigenmächtigkeit lachend mit „Was für eine Frechheit!“

 

Den Rahmen der Lesung bildete ein letzter Brief aus dem Breslauer Gefängnis vom Sommer 1917 an Hans Diefenbach, der sich lange erfolglos um Rosa bemüht hatte und nun überraschend Post von ihr erhält. Sie schreibt ihrem „Hänschen“ über den Gefängnisalltag, ihre Lektüren, ihre Wünsche und Erinnerungen, ihre Gedanken und Empfindungen. Und über die Rätsel der tierischen Intelligenz: Wespen, die jeden Tag in ihre Zelle geflogen kommen und genau wissen, dass sie hinter den Gitterstäben Rosas „bürgerliche Mittagstisch“ erwartet. Oder über den „allgemeinen Waffenstillstand“ der Vögel auf ihrer Reise nach Süden.

 

Am Ende liest Corinna Harfouch den Brief zu Ende. Ein Schreiben, das Hans Diefenbach nicht mehr erhalten wird. Der Mediziner ist inzwischen Soldat und war an die Westfront versetzt worden. Im Oktober 1917 wird er von einer französischen Granate getroffen, als er gerade einen verwundeten Soldaten in einem Lazarett operierte. Der Tod von Hans war für die 46-jährige Rosa ein Schock.

 

Erst im November 1918 kam sie aus dem Gefängnis. Zwei Monate später, am 15. Januar 1919, also genau vor 95 Jahren, wurde sie zusammen mit Karl Liebknecht in Berlin ermordet.

 

In ihrem letzten Brief an Hans Diefenbach schreibt Rosa Luxemburg: „Wenn ich so etwas lese (vom Waffenstillstand der Vögel), bin ich erschüttert und lebensfreudig gestimmt, dass sich sogar Breslau für einen Ort halte, in dem Menschen leben können. Ich weiß selbst nicht, warum das auf mich wirkt; vielleicht, weil es mich wieder daran erinnert, dass das Leben doch ein schönes Märchen ist. Im Anfang hätt` ich`s hier beinahe vergessen, jetzt kommt es mir aber wieder. Ich lasse mich nicht unterkriegen ... Schreiben Sie bald.“


Manuela Stein

 

 

Seitenanfang