Schönhausener Schlossgespräche
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Ursula Karusseit

Schauspielerin
Mittwoch, 25. September 2013

 

 

Klein, aber fein, das Schlößchen!
Vielen Dank für den herzlichen Empfang, für das Gespräch und das nette Publikum!
Herzliche Grüße!
Ursula Kaurusseit
25.09.2013

 

 

„Ein bisschen verrückt muss man schon sein.“

 

Den 15. Gast der Schlossgespräche musste Moderator Robert Rauh nicht groß ankündigen. Im ausverkauften Festsaal saßen mehrheitlich Fans der Schauspielerin, die „schon zu Lebzeiten eine richtige Fernseh- und Theaterlegende ist. Nicht nur, aber vor allem im Osten!“ Entsprechend herzlich auch der Empfang des Publikums. Kein Problem, dass Frau Karusseit beim Besteigen des Podestes gleich einen Scheinwerfer entschärfte: „War ich das?“ Sie strahlte auch so. Zusammen mit dem Publikum, das 100 Minuten interessiert und amüsiert dem Lebensweg einer herzerfrischenden und bodenständigen Frau folgte, die dem Bild einer Legende so gar nicht entsprechen will.
Direkt, natürlich und fern jeder Eitelkeit ließ sich Ursula Karusseit auf eine private Zeitreise ein: Sie sprach nicht nur über DIE Rollen ihres Lebens, sondern über ihre Erinnerungen an die Flucht, ihre Ehe mit dem berühmten Regisseur Benno Besson und ihre Filmkollegen. Und wich auch nicht der Frage aus, warum sie nicht mehr auf einer Berliner Theaterbühne zu sehen sei.

 

Flüchtlingskind

Ihre erste große Filmrolle hatte sie als Gertrud in dem TV-Mehrteiler „Wege übers Land“ von 1968. Ein Filmstoff, der durchaus Parallelen zum Leben der Ursula Karusseit aufweist. Die Schauspielerin ist 1939 in Elbing (heute Polen) geboren, wuchs in Ostpreußen auf, kam nach der Flucht für drei Jahre nach Parchim und dann als Teenager nach Gera. Als junge Frau zog sie nach Berlin, wohnte zunächst in Oberschöneweide, wechselte später innerhalb der Stadt mehrmals die Wohnung und lebt heute bei Königs Wusterhausen.
Rauh wollte angesichts dieser Lebensstationen wissen, wie Karusseit „Heimat“ für sich definieren würde. Es gehe ihr nicht um den Ort, erklärte die Schauspielerin. „Heimat ist für mich da, wo ich meine Arbeit, meine Freunde, wo ich meinen Lebensmittelpunkt habe.“ Heimatgefühle für Ostpreußen habe sie dagegen nicht, da sie kurz vor Kriegsende mit fünf Jahren geflohen sei. Auch als sie später dort gewesen sei: Keine Heimatgefühle, eher Erinnerungen!
Ursula Karusseit berichtete über die Parallelen zwischen dem Leben der Filmfigur Gertrud Habersaat in „Wege übers Land“ und den Erfahrungen ihrer Mutter, die ihr vieles über die Flucht erzählt habe und auch am Drehort häufig dabei gewesen sei, um auf Enkel Pierre aufzupassen. Rauh fragte auch nach den Erfahrungen der Mutter mit den Russen. Sie sollte auch vergewaltigt werden; die Russen haben die Tür mit dem Gewehrkolben eingeschlagen und wollten sie aus dem Bett zerren. Die Kinder, sie und ihr Bruder, hätten aber „so einen Krach gemacht“, bis sie ihre Mutter in Ruhe gelassen haben. „Gegen Kinder waren die Russen immer machtlos. Kinder liebten sie.“
Der Vater kam erst 1946 aus der Kriegsgefangenschaft. Wie die erste Begegnung zwischen Vater und Tochter gewesen sei? „Fremd! Er behauptete, er sei der Osterhase. Was ich natürlich nicht geglaubt habe.“ Ob sie später mit ihrem Vater über den Krieg gesprochen habe? „Ja, ich wollte beispielsweise wissen, ob er auf jemanden geschossen hat. Da hat er mir gesagt, dass er das nicht mit seinem Glauben hätte vereinbaren können.“

 

Die Schauspielerin als Tippse

Von ihrem Filmpartner Manfred Krug in „Wege übers Land“ holte sich Ursula Karusseit 1959 als 20jährige ein Autogramm. Denn Manfred Krug war zu der Zeit schon das, was sie werden wollte: Schauspielerin!
Als Schülerin erlebte sie „Kabale und Liebe“ - ganz oben im Rang. Sie habe geheult, weil sie Mitleid bekommen hätte. Und sie habe Lust bekommen, selbst zu spielen. Allerdings waren die Eltern der Meinung, dass Schauspieler ein „unanständiger Beruf“ sei. Daher führte Ursula Karusseits Weg nicht direkt auf die Schauspielschule. Der Vater besorgte der Tochter eine Lehrstelle als Sachbearbeiterin. Auf einer Berufsschule für Wirtschaft und Verwaltung lernte sie zwei Jahre Steno und Schreibmaschine schreiben, politische Ökonomie, „eben alles Kaufmännische“. Ob Sie denn noch Steno und Schreibmaschine schreiben könne. Ohne zu zögern und selbstbewusst antwortete Karusseit: „Ja, natürlich!“ Rauh kündigte daraufhin ein Test an – und ließ eine alte Schreibmaschine, Marke „Olympia“, in den Festsaal schaffen, auf der er selbst vor über 30 Jahren an der Volkshochschule „blind tippen“ gelernt hatte. Dass die Schauspielerin problemlos den Platz einer Sekretärin einnehmen kann, bewies sie im Handumdrehen: Mit zehn Fingern tippte sie fehlerfrei, was Lehrer Rauh ihr diktierte. „Und Schloss sogar mit Doppel-S“, wie er anerkennend - unter dem Gelächter des Publikums - kommentierte. Bevor sie an der Schauspielschule in Berlin-Schöneweide angenommen wurde, war sie in Leipzig abgelehnt worden. Die Begründung der Jury: „Ihr Spiel ist zu oberflächlich!“ Der Bescheid ging bereits nach drei Tagen ein - mit der Schlussformel: „Für die Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute!“

„Das Farbige ist ja häufig auch eine Täuschung!“

In der Zukunft spielte Ursula Karusseit unzählige Theater- und Fernsehrollen. Die Rollen in Benno Bessons „sinnlichen“ Theaterstücken, wie „Der Drache“ von 1966, wurden legendär. Diese Inszenierung habe Ventile für das Publikum geöffnet: Versteckt wurden gesellschaftliche Verhältnisse aufgedeckt. Auch beim Theaterfestival in Paris, bei der sie als Elsa ihre Premiere hatte, sei die phänomenale „Weltaufführung“ gefeiert worden. In Paris war sie „schwer verliebt“ – verliebt in Benno Besson, von dem sie erst gar nichts wissen wollte, weil der noch verheiratet war. 1969 heiratete sie den Schweizer Regisseur. Zusammen bekamen sie einen Sohn: Pierre Besson, der heute auch Schauspieler ist.
Aber auch Karusseit war mit ihm noch verheiratet, als beide längst getrennt und in neuen Beziehungen gelebt hätten. Erst 1995 ließen sie sich in Genf scheiden. Einen Abend zuvor feierten sie in einem „ganz feinem Lokal“ noch schnell die Silberhochzeit. Die Ehe hätte ihr auch ein Privileg eingebracht: Den Schweizer Pass! Ohnehin konnte sie später im Westen spielen und inszenieren. Die Fragen nach ihrer politischen Einstellung zu dem Staat, der sie reisen ließ, beantwortete Ursula Karusseit in einer erfrischenden Naivität. So reagierte sie beispielsweise auf die Frage, ob sie jemals daran gedacht habe, in den Westen zu gehen, mit einem Farbenvergleich: Wenn sie drei Tage wieder zu Hause (in der DDR) gewesen sei, empfand sie das Grau auch nicht mehr so schlimm. Das Farbige sei ja auch häufig eine Täuschung!“ Aber sie hätte - im Gegensatz zu anderen - ja auch keine Repressalien gehabt.

 

„Und dann habe ich auch keine Lust mehr.“

Was zeichnet einen guten Schauspieler aus? „Schwer zu sagen. Er muss zunächst überzeugen können, er muss auch sprechen können. Das können die heute kaum noch.“ Sie habe das gestern beim Drehen bemerkt: Die nuscheln heute alle zu viel! Spontaner Applaus! Und: „Ein bisschen verrückt muss man schon sein. Sonst geht das nicht in dem Beruf.“ Rauh zitierte dann aus einigen Interviews, in denen Ursula Karusseit stets betone, dass heutige Theater sei nicht mehr ihr Theater. Und in den Berichten über sie schwinge immer ein Bedauern mit, dass sie nicht mehr auf den Berliner Bühnen zu sehen ist. Um dann direkt zu fragen: „Bekommen Sie keine Angebote mehr? Oder haben Sie selbst keine Lust?“ „Ich kriege keine Angebote. Und dann habe ich auch keine Lust.“ Die Regisseure, die gekommen sind, kenne sie nicht mehr. Und die würden auch sie nicht kennen. Zudem hätten die neuen Intendanten auch „gleich ihre eigenen Leute mitgebracht“.
Nach der Wende wollte Ursula Krausseit Intendantin der Volksbühne werden. „Schön naiv“ habe sie eine Bewerbung an den Senat geschickt. Schließlich hätte sie die Volksbühne „in und auswendig“ gekannt. Und sie wollte erreichen, dass keine Leute entlassen werden. Nach drei Jahren habe sie eine Antwort erhalten. Die Intendanz hatte inzwischen Frank Castorf übernommen. In einem weiteren Brief habe sie sich für die „prompte Erledigung“ bedankt.

 

„Da wissen Sie mehr als ich!“

Obwohl es Ursula Karusseit nach der Wende „eine Weile nicht so toll ging“ - sie war auch arbeitslos -, bekam sie weiterhin TV-Angebote - in durchaus bekannten Serien wie „Praxis Bülowbogen“ oder „Liebling Kreuzberg“. Aber ihre populärste TV-Serien-Rolle spielt sie in der Leipziger Krankenhaus-Serie des MDR „In aller Freundschaft“, die wöchentlich durchschnittlich 6 Millionen Zuschauer einschalten. Seit 1998 verkörpert Karusseit die Charlotte, die Chefin der Klinik-Cafeteria. In den ersten fünf Jahren hätte die Serie keine guten Quoten und auch keine gute Qualität gehabt. Beliebt sei sie heute vor allem, weil die Ärzte nicht als „Götter in weiß“ dargestellt werden, sondern auch Probleme aus deren Alltagsleben. „Da sind die Leute mehr dran, als wenn sie nur Operationen sehen würden.“ Zur Überraschung und Freude der Schauspielerin „verriet“ der Moderator dann, dass der MDR vor kurzem entschieden habe, dass die Serie mit zwei Staffeln (84 Folgen) bis 2015 fortgesetzt werde. „Da wissen Sie mehr als ich.“
Sie wird auch mit ihrem TV-Arzt Thomas Rühmann weiterhin Theater spielen: im Theater am Rand, das sich im Oderbruch befindet. Dort werden keine Stücke im herkömmlichen Sinne gespielt, sondern meistens Romane und Erzählungen, die Rühmann für die Schauspieler dramatisiert. „Und dann erzählen wir eigentlich Geschichten.“
In ihrem Bericht über die Geschichte und die Stücke dieses besonderen Theaters war Ursula Karusseit kaum noch zu bremsen: Ein flammendes Plädoyer, sie im Oderbruch einmal spielen zu sehen.

Wie unbestechlich die Schauspielerin ist, wenn es um „ihre“ Rollen geht, zeigte eine Antwort im Rahmen der „Fünf Halbsätze“, die auch Karusseit am Ende des Schlossgespräches absolvieren musste. Als Rauh vorgab: „Wenn mir meine Traumrolle vom Typ Miss Marple keiner anbietet, wäre ein weitere Traumrolle ...“, ergänzte sie: „Miss Marple“. Viel Applaus am Ende!

Manuela Stein

 

 

Zur Biografie

 

Ursula Karusseit, die 1939 geboren wurde und bei Kriegsende mit ihrer Familie aus Ostpreußen floh, wuchs in Parchim auf und arbeitete zunächst als Stenotypistin, erhielt nach ihrer Schauspielausbildung Anfang der 1960er-Jahre Engagements am Deutschen Theater und Maxim-Gorki-Theater. An der Berliner Volksbühne feierte sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Benno Besson, europaweit Erfolge. Ihre Hauptrolle in dem TV-Fünfteiler „Wege übers Land“ von 1968 - zusammen mit Manfred Krug – sowie die Rolle der resoluten und widersprüchlichen Gutsfrau in der „Märkischen Chronik“ von 1983 machte sie auch einem breiteren Publikum bekannt.
Nach der Wiedervereinigung war sie hauptsächlich im Fernsehen zu sehen, u.a. seit 1998 in der erfolgreichen MDR-Krankenhausserie „In aller Freundschaft“. Zusammen mit „ihrem“ TV-Arzt, dem Schauspieler Thomas Rühmann, spielt sie seit 2005 auch im „Theater am Rand“ - im Oderbruch.
Hinter der Bühne und neben der Kamera ist die populäre Theater- und Filmschauspielerin geblieben, was sie schon immer war: bescheiden, aufgeschlossen - und „zu Hause in meinem Dorf die ganz normale Nachbarin“.

 

 

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