Schönhausener Schlossgespräche
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Volker Braun

Schriftsteller

Mittwoch, 12. Juni 2013, 19 Uhr

 

 

Dank für das kommune Gespräch am würdigen Ort,
Ihr Volker Braun
12.6.2013

 

 

„Geschichte ist jeder Tag.“

 

Volker Braun hatte am 12. Juni 2013 gleich zwei Einladungen: zum Gesprächsabend im Schloss Schönhausen und zur Premiere der Inszenierung seiner Erzählung Die hellen Haufen im Maxim-Gorki-Theater. Das Haus am Festungsgraben in Mitte blendete Medienassistent Matthias Pasler als erstes ein und kommentierte, er hoffe, der Gast bleibe im Schloss, wenn die Premiere in einer halben Stunde beginne. Volker Braun hatte sich jedoch für Schönhausen entschieden, weil die Einladung schon länger zurücklag. Zur Freude des Publikums, denn er verriet am Ende des Gesprächs, dass er „so etwas eigentlich höchst ungern mache“: Weil er für so etwas nicht geeignet sei. Lesung mit seinen Texten ja, aber 100 Minuten Gespräch über seine Biografie?

Obwohl das Maxim-Gorki-Theater auf Volker Braun verzichten musste, hatte das Theater dem Schloss kostenlos erlaubt, einen TV-Ausschnitt der legendären Inszenierung Die Übergangsgesellschaft von 1988 zu zeigen. Mit diesem Stück, so führte Moderator Robert Rauh in den Abend ein, hätte für ihn die sogenannte Wende in der DDR begonnen. Die Übergangsgesellschaft, bereits 1982 geschrieben, und Die hellen Haufen von 2011 sollten die „Gesprächstore“ bilden. Anhand dieser Texte sollte exemplarisch die berufliche Biografie des fast 75-jährigen Dichters aufgeblättert werden.

Dann kam Volker Braun in den Festsaal. Skeptisch sah er auf die Bühne und man hatte das Gefühl, es fehle nicht viel und er bitte zum einen die Organisatoren, das Podest und die roten Rokoko-Sessel wegzuschaffen. Und zum anderen das Publikum, ihm ins gemütliche Kaminzimmer zu einem Gespräch in kleinerem Rahmen und auf Augenhöhe zu folgen. Aber die Veranstaltung war ausverkauft und der Saal voll besetzt.

Auch Moderator und Gast mussten erst zueinander finden. In der ersten halben Stunde war das deutlich zu spüren. Und zu sehen: Robert Rauh stellte eine Frage und Volker Braun wandte sich ab, holte zum Exkurs aus und kommunizierte mit dem Publikum, das erwartungsvoll versuchte, alles Gesagte aufzunehmen. Denn hier rang im wahrsten Sinne des Wortes ein Meister des Schreibens mit der mündlichen Sprache.

 

Utopie ohne Massen?
Vielleicht lag es auch am ersten Gegenstand: Die hellen Haufen. In dem Text holt der Autor die Abwicklung des DDR-Kalibergbaus und des Mansfeld-Kombinats durch die Treuhandanstalt aus den Jahren 1992/93 in die Welt der Fiktion. Er stellt sich vor, was passiert wäre, wenn sich die Belegschaften dieser Kombinate geschlossen widersetzt und den Aufstand gewagt hätten. In Anspielung auf die Premiere im Maxim-Gorki-Theater und eine Aufführung im Theater Rudolfstadt wollte Rauh gleich zu Beginn wissen, ob sich die Erzählung auch für die Bühne eigne. Schmunzelnd meinte der Autor, das sei eine „heutige Mode“ der Theater, nach Erzählungen zu greifen. Er sehe das nicht gern. Aber: „Man kümmert sich am besten gar nicht darum und lässt sich überraschen, was die zweite Bearbeitungsstufe im Theater bringt.“

Offenbar eignet sich der Text auch nur bedingt für ein „Gesprächstor“. Denn er steht für sich, so dass Volker Braun häufig mit Zitaten antwortete: „Diese Geschichte hat sich nicht ereignet. Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.
Rauh gab jedoch nicht auf: Ob die Utopie vom Gemeindeeigentum – vor allem mit Blick auf die gescheiterten Märzkämpfe 1921 - nicht nur im Mansfelder Raum eine „Utopie ohne Massen“ bleibe?

Volker Braun holte weit aus und erläuterte die historische Dimension des Raumes, der durch Arbeit und Geschichte geprägt sei, wie den großen Bauernkrieg. Der Raum sei determiniert mit Blut und Erfahrung: „Die Landschaft erzählt den Text.“ Es sei „ein Pfad von Unglück und Unrecht“, der sich durch die Geschichte ziehe. Und 1990/1991 hätte er „zu 50%“ die Hoffnung gehabt, dass der „wirtschaftliche Schlag“ – vergleichbar mit der Zeit nach dem 1. und 2. Weltkrieg – diesem Raum vielleicht einen Standortvorteil gegenüber England und Frankreich bringen würde. „Aber das tritt nicht ein, wenn das EIN Land ist. Unter Brüdern gehen die Dinge härter.“ 

Zurück zur Utopie griff Rauh eine Diskussion mit ehemaligen DDR-Kombinatsdirektoren auf, die Volker Braun im Anschluss an eine Lesung zu den hellen Haufen geführt hatte. Wie die denn auf die Braunsche Urfomel: Sozialismus = Volkseigentum + Demokratie reagiert hätten?    
Zunächst: Diese Formel sei „noch nicht probiert“. Außerdem wären das ja nur Begriffe; angesprochen würden damit aber „elementare Dinge“: „Wie sind die Besitzverhältnisse und wie ist die Verfasstheit der Demokratie?“ Vor allem einem Diskussionsteilnehmer gingen die Forderungen der „Mansfelder Artikel“ aus den hellen Haufen zu weit, z.B. „Die Belegschaft bestimmt, was und wofür produziert wird, nämlich was sinnvoll ist“(Art. 2). Das sei doch „eine Art von Mitsprache, die sehr problematisch ist“. Braun habe das „mit großer Genugtuung aufgenommen, denn es sind genau die Fragen und Auseinandersetzungen aus der alten Zeit“. 
Und generell: Diese „Grundüberzeugungen“ (Rauh) sind eher „Erfahrungsschritte, die man unvermutet am Leib macht“ (Braun). Was sei das Volkseigentum eigentlich? Das sei doch „nicht die Lösung der sozialen Frage, das ist etwas viel Tieferes; was wir überhaupt produzieren, wie wir den Naturzusammenhang zerreißen. Das liegt in der Arbeit selbst. Das sind andere Formen, die sich fast mit Naturgewalt ausbilden, eben die Stufungen der Gesellschaft.“

 

„Dresdner Denkart“
Moderator und Gast fanden zueinander, als es um die Kindheit Volker Brauns ging. Der Autor ist in Dresden-Rochwitz geboren, vier Monate vor Beginn des 2. WK. An seinem 6. Geburtstag wurde die erste von zwei bedingungslosen Kapitulationserklärungen Deutschlands unterschrieben. Rauh meinte, es klinge etwas pathetisch, aber Krieg, Tod und Zerstörung würden zu den prägenden Kindheitserinnerungen gehören und zitierte ein „unvergessenes Bild“: der stundenlange Blick des jungen Volkers vom Wachwitzer Weinberg auf die leuchtenden Trümmer Dresdens – „Es war eine Sehstörung, die zunahm. Ich sah den Frieden“. Er ergänzte, etwas zugespitzt: „Es war ein Frieden ohne Vater und ohne Vaterstadt.“  

Volker Braun verwies darauf, dass diese Erfahrungen in Dresden besonders greifbar waren. Sie seien in Trümmern aufgewachsen. Aber diese ausgeglühten Fassaden der zerstörten Barockgebäude hätten in der Abendsonne noch immer eine Schönheit gehabt. „Dieser Widerspruch von Grauen und Schönheit, das war unsere ästhetische Erziehung.“ Dann zitierte Rauh einen Satz aus Brauns Essay „Dresdens Andenken“: „Als dresdner Bestie bete ich zur Neutronenbombe“. Der Gedanke ist ungeheuerlich: Hätte Dresden eine Neutronenbombe getroffen, wären die Bewohner getötet und die Stadt nicht zerstört worden. Der Satz sei natürlich nicht im Ernst gesprochen, so der Autor. Die Neutronenbombe sei eine der infamsten Erfindungen. Aber: „So ein Satz projiziert auch die Welt, wie sie ist.“

Heftige Kritik sah sich Volker Braun ausgesetzt, als er Anfang der 1990er-Jahre die Zerstörung Dresdens in einen Kontext mit den Angriffen auf Beirut, Belgrad und Bagdad setzte. Ob er die Kritik an diesem Vergleich im Kern nachvollziehen könne, wollte Rauh wissen. Klare Antwort: „Nein!“ Die amerikanischen Maschinen seien auch von deutschen Flughäfen über Dresden nach Bagdad geflogen. „Als Dresdner erlebt man sich in dieser Stadt Bagdad, einer unvergleichlich älteren Kulturstadt, die der Menschheit gehört. Und irgendeine Nation glaubt, dort militärische Operationen durchführen zu können.“ Die Neigung zu Gewaltlösungen, zu militärischen Lösungen, sei für ihn unannehmbar. Der „wohl politischste aller deutscher Autoren der letzten Jahrzehnte“ (Christoph Hein) erklärt das als „Dresdner Denkart“. 
Die Unterstellung, er wäre deshalb antiamerikanisch, sei „idiotisch“. Das zeige auch die „Beschreibungsarmut der deutschen Presse gegenüber Andersdenkenden“.

 

Gedankenspiele 

Sehr „privat“ sprach Volker Braun über seine Eltern, denen er mit der Erzählung Das Mittagsmahl von 2007 ein liebesvolles, den Leser sehr berührendes literarisches Denkmal gesetzt hat. Man erfuhr noch detaillierter als in der Erzählung, wie die Familie die Nachricht vom Tod des Vaters in den letzten Kriegstagen erhielt und wie die verwitwete Mutter „im blühenden Alter“ fünf Söhne allein groß zog. Rauh fragte ausgehend von dem „ungeheuren Satz der Mutter: „Wer weiß wofür es gut war, dass er nicht wiederkam“ nach Brauns „vorstellbaren Szenarien“: Denn das Leben könnte ja ganz anders verlaufen (sein). Zum Beispiel: Warum er im Land geblieben ist und nicht wie einer seiner Brüder „rüber gegangen ist“. Er hätte sich vielleicht „diesen 68ern“ angeschlossen und wäre aufgrund des Jähzorns („Vorfahren waren Vogtländer“) in Stammheim gelandet.

Oder der Vater komme unverletzt aus dem Krieg und sehe im Dresdner Schutt die Knöchel seiner fünf toten Jungen. „Aber so sehr ich es wünschte, er würde leben, kann ich es doch nicht wollen.“ Und dieses etwas Wünschen, aber nicht wollen können sei doch ein „merkwürdiger Widerspruch“. Dann sprach der das Publikum direkt an: „Vielleicht gibt es ja Momente, in denen Sie das auch für sich empfinden können.“

Nach dem Exkurs in Die Übergangsgesellschaft zitierte Rauh für die letzte Frage aus Brauns „Werktagen“ dessen vorläufige Bilanz vom 31. Dezember 1989: Nun haben wir eine biografie, aus dem widerstand und der geducktheit tretend, haben wir jeder eine geschichte durchlaufen, unter die ein harter strich gezogen wird. unter die alten wahrheiten, unter die alte zukunft Und wollte wissen: „Was muss geschehen, was muss getan werden, damit die nächste Generation von sich sagen kann: Auch wir haben jetzt eine Biografie?“ Volker Braun verwies auf die Generation der zurückgekehrten Emigranten, „diese Charakterköpfe, die gedeckt durch ihre Biografie furchtlos gewesen“ wären, so dass er sich noch mit 30 und 40 fragte,  wo sei die Biografie seiner Generation. „Die ist uns dann durch die Gunst der Geschichte zugestoßen“. Aber mit Blick auf die Jüngeren: „Geschichte ist jeder Tag.“ 

Am Ende bedankte sich Volker Braun für den Abend, der für ihn offenbar doch die Atmosphäre eines Kamingespräches hatte. Erst zum Moderator: „Es ist eine angenehme Sache mit Ihnen so ...“, und dann zum Publikum gewandt, „... unter uns zu reden“. Entspannter Applaus. Und man war auch erleichtert, dass Rauh am Ende auf die obligatorischen Fünf Halbsätze verzichtete und stattdessen seinen Gast bat, ein Gedicht zu lesen. Die Braunsche Intonation gab dem lyrischen Text („6.5.1996“) mit den typischen Verknappungen den richtigen Rhythmus, den entsprechend vorzutragen, wohl nur der Autor selbst in der Lage ist. Viel Beifall für Volker Braun, der schnell das Podest verließ - und zu seinen Lesern eilte, um zu signieren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

 

Zur Biografie

 

Volker Braun, 1939 in Dresden geboren, gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern und Essayisten der Gegenwart. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Druckereiarbeiter, Tiefbauarbeiter und Tagebaumaschinist, ehe er in Leipzig Philosophie studierte. 1965 kam er nach Berlin, arbeitete am Berliner Ensemble und Deutschen Theater. Ungeachtet seiner fundamentalen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR verstand sich Braun immer als Sozialist, der mit seinem „konspirativen Realismus“ für  Veränderungen plädierte. „Man sucht einen Blickwinkel zu wählen, der dem offiziellen Denken, dem beschwichtigenden und sich einrichtenden Denken nicht nachkommt – also einen Blick von unten auf die Dinge.“ Diese „angewöhnte Haltung“ ist für Volker Braun auch nach der Wiedervereinigung bestimmend: „Nichts als endgültiges Angebot der Geschichte zu betrachten“.

 

Christian Wagenburg

 

 

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