Schönhausener Schlossgespräche
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Björn Harras

Schauspieler

Mittwoch, 24. April 2013

 

 

Eine tolle Atmosphäre in einer würdigen Umgebung.
Vielen Dank für einen tollen Abend!
Björn Harras
24. April 2013

 

 

„Ausgeschlossen ist das nicht.“

 

„Kennen Sie Björn Harras?“, wollte eine ältere Dame neben mir wissen. Weil ich die Frage bejahte und es zu Beginn der Veranstaltung technische Probleme gab, kamen wir ins Gespräch. Sie sei schon häufiger bei den Schlossgesprächen gewesen und hätte bisher auch immer die prominenten Gäste gekannt. Aber das hätte ja nichts zu sagen, meinte sie lachend. Dass Björn Harras durchaus bekannt - und populär ist, zeigte die Zusammensetzung des Publikums: erkennbar mehr junge Menschen, von denen sich einige - nur Frauen (!) - anschließend auch ein Autogramm abholten. Erfrischend jugendlich und selbstbewusst schlenderte ihr Star dann auch in den Festsaal. Nur zähneknirschend schien die ältere Dame hinzunehmen, als der Schauspieler in Sneakers und blauem T-Shirt auf dem rotem Rokoko-Sessel Platz nahm. Moderator Robert Rauh hatte sich zumindest optisch angepasst und war ohne Jackett und - offenbar unabgesprochen - ebenfalls in Blau erschienen. Auch ungewohnt: Auf dem Podium wurde sich von Anfang an geduzt. Ohnehin stimmte die Chemie zwischen Moderator und Gast, was zu einer äußerst lockeren Atmosphäre beitrug. Als Rauh zwischendurch einmal den Faden verlor, reagierte Harras spontan: „Soll ich dir jetzt mal eine Frage stellen?“ Und lehnte sich unter dem Gelächter des Publikums bequem und grinsend zurück.

Ansonsten griff der Gast die Vorlagen des Moderators dankbar auf. Dabei flüchtete sich Björn Harras nicht in vorgefertigte Antworten oder Anekdoten, sondern versuchte nach bestem (Ge-)Wissen Auskunft zu geben und war auch bereit zuzugeben: „Schwierige Frage!“ oder „Das weiß ich nicht.“ Er schwafelte nicht, sondern reagierte stellenweise sehr pointiert – auch bei thematisch komplexeren Themen wie der deutschen Bildungspolitik. Und er erlag nicht verbalen Schnellschüssen, sondern nahm sich Zeit zum Überlegen. Auch zum Innehalten. Zum Beispiel als Rauh ihn nach seinen Erinnerungen an den Amoklauf in der Erfurter Gutenberg-Schule vor genau elf Jahren fragte: „Eigentlich waren die ganzen Wochen nach diesem krassen Tag wie eine Art Trance, wie ich sie so nie wieder erlebt habe.“ Der Schüler Björn Harras war 2002 einer der Mitbegründer der Initiative „Schrei nach Veränderung“, die nach dem Amoklauf die bislang größte Schülerdemonstration in Thüringen mit ca. 4000 Teilnehmern organisiert hatte.

 

„Fühlst du dich als Ostdeutscher?“
Natürlich durfte im Pankower Schloss Schönhausen nicht die Frage nach der DDR-Vergangenheit fehlen. Rauh verwies auf die Kriterien, nach denen der Gast nahezu idealtypisch zur „Dritten Generation Ost“ passe: Geboren 1983 und aufgewachsen in Thüringen. Kritisch reflektierte Harras seine eigenen Erinnerungen über das „untergegangene Land“: Vieles sei erst später über Fotos und Erzählungen in sein Gedächtnis gekommen. Und es sei interessant, dass ihm die DDR im Nachhinein als „relativ grau“ erscheine, weil seine „erste, wirklich bunte Erinnerung“ auf die erste Fahrt in den Westen zurückgehe. Kurz nach dem Mauerfall sei er als Sechsjähriger zusammen mit seiner Familie nach Hof gefahren. Er sei durch die dortige Weihnachtsmeile völlig überdosiert an Licht und Reklame gewesen. 
Ob er sich als Ostdeutscher fühle? „Tatsächlich ja.“ Als sich die DDR der BRD angegliedert habe, hätten sich die Menschen ja nicht verändert. Er stamme aus Gera; das sei „tiefster Osten“. Osten sei für ihn auch „Plattenbau“, in dem er aufwuchs. Diese Sozialisation, so resümierte Harras, „macht mich zu einem Bürger Ostdeutschlands“. Das Buch der „3ten Generation Ost“ habe er inhaliert, weil er bisher kein Forum zum Austausch über seine Wurzeln gefunden hätte. Er habe beim Lesen gemerkt, er stehe mit seiner Identitätssuche nicht allein da. Interessant für den Zuhörer und vielleicht auch für den nachdenklich reagierenden Björn Harras: In seiner Familie werde über die gesellschaftspolitische Dimension des untergegangenen Staates „gar nicht so viel geredet“. Obwohl er zuvor betonte, seine Mutter sei ja in der DDR geboren und seine Großeltern hätten aus Überzeugung den Staat mit aufgebaut.

 

„Probleme mit der Schule“
Über die aktuelle Politik sei dagegen viel diskutiert worden. Richtig geweckt wurde sein politisches Interesse durch die Bundestagswahl 1998, bei der Helmut Kohl abgewählt wurde. Ein Jahr später trat Björn Harras in die PDS ein, engagierte sich im Landtagswahlkampf, saß im Thüringer Jugend- und Schülerparlament und setzte sich nach dem Erfurter Amoklauf für Veränderungen im Thüringer Schulsystem ein. Individuelle Betreuung und individuelle Förderung statt Schüler als Maschinen anzusehen, wo einfach nur blind Wissen reingepumpt und anschließend ausgekotzt werde (Stichwort: „Bulimie-Wissen“). Als Harras dann zuspitzte: „Was dann übrig bleibe, ist praktisch nichts!“, unterbrach ihn Lehrer Rauh endlich: „Das kann ich so natürlich nicht stehen lassen.“ Björn Harras relativierte grinsend: „Ich kann jetzt nur von Thüringen sprechen, nicht von deinem Unterricht“, und versuchte dann mittels eigener Erfahrungen seine Kritik am leistungsorientierten Schulsystem nachvollziehbar zu begründen. Ein Schulsystem, das beispielsweise „zu früh aussortiert“ und Spätentwickler zurücklasse. Rauh verzichtete auf einen direkten Schlagabtausch über die Bildungspolitik in Thüringen und griff stattdessen eine Nebenbemerkung seines Gastes auf. Was er denn meine, wenn er sage, er habe „Probleme mit der Schule“ gehabt. Zunächst zögerte Harras und räumte verallgemeinernd ein: „Ich war schon immer ein aufgeweckter Junge. Und ich hatte Probleme mit Autoritäten.“ Rauh wollte es genauer wissen. Wenn Unterricht zum Beispiel langweilig gewesen sei, so Björn Harras, dann habe er das „für sich“ ein wenig aufzuheitern versucht: „Mit einem lustigen Spruch. Mit einer kleinen Provokation.“ Das ging soweit, dass die Schule ihn zum Psychologen geschickt habe.

 

Warum nicht in die Politik?
Björn Harras ist bereits mit 16 Jahren in die PDS (heute: Linke) eingetreten und Robert Rauh wollte wissen, warum gerade in diese Partei. Er sei durch sein Elternhaus geprägt und „meine Ma kann bestätigen, dass ich schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte“. Und diese Partei sei die einzige gewesen, „die am ehesten meinen Idealen als 16-Jähriger entsprochen hat“. Björn Harras wurde dann aufgefordert, Antworten auf die Fragen zu geben, denen Gregor Gysi beim Schlossgespräch 2012 ausgewichen war: Wie viel Prozent die Linke bei den Bundestagswahlen im September 2013 erreichen und wann Sarah Wagenknecht den Vorsitz der Bundestagsfraktion übernehmen werde. Björn Harras, der wiederum von Gregor Gysi in Gera 2012 interviewt worden war, wich nicht aus: Er hoffe auf ein zweistelliges Wahlergebnis, „was schwer wird“. Aber er vertritt der Meinung, dass es „etwas Normales in Europa“ sei, dass es eine „relativ starke Partei links der Sozialdemokratie gibt“. Ob Sarah Wagenknecht überhaupt die Nachfolge von Gregor Gysi antreten werde, wisse er nicht. Und Gregor Gysi? Er könne sich vorstellen, dass Gregor in dem Sessel des Bundestagsfraktionsvorsitzenden stirbt; da er nicht einfach so loslassen könne. Rauh ergänzte: Genau das hätte Gregor Gysi beim Schlossgespräch abgestritten.
Zwangsläufig war in diesem Zusammenhang die Frage, warum Björn Harras nicht Politiker geworden sei – und der Moderator ergänzte provokativ, er wäre ja nicht der erste Schauspieler, der in die Politik geht. Mit Anfang 20 fand sich Harras zu jung für einen Berufspolitiker. Er wollte erst mal etwas anderes machen, Lebenserfahrung sammeln. Aber für die Zukunft wolle er das nicht ausschließen.

 

„Ich bin ein großer Glückspilz.“
Stattdessen wurde Björn Harras Schauspieler. Obwohl das nie sein Ziel gewesen sei! Erst mit 21 sei ihm das klar geworden. Nachdem ihn im Erfurter Jugendtheater „Schotte“ ein Regisseur gefragt hätte, warum er das nicht zum Beruf machen wolle. Warum er dann die Schauspielschule in Leipzig nach einem Jahr abgebrochen hätte, wollte Rauh wissen. Er habe sie nicht „richtig abgebrochen“, korrigierte Harras grinsend, sondern man hätte sich „eigentlich im gegenseitigen Einvernehmen voneinander getrennt. Ich habe gemerkt, dass das nicht der richtige Ort für mich ist. Um für mich zu lernen.“ Gleichzeitig habe er so viel in diesem Jahr gelernt, dass er als Schauspieler auch ohne Abschluss arbeiten könne. Björn Harras versuchte dann sein Glück in Berlin. Wie schwer oder leicht es junge Schauspieler in der Hauptstadt haben, könne er jedoch nicht einschätzen, da er „ein großer Glückspilz“ sei. Denn bereits nach einem Monat hatte er ein Engagement bei Grundy Ufa, „dem größten Soap-Produzenten Deutschlands, eigentlich Europas“. Auf dieser Grundlage ginge es dann - bis auf eine kurze Ausnahme - „immer steil nach oben“. Mit der Schauspielkarriere.
Und dann wurde endlich GZSZ thematisiert – vor allem für die Fans im Saal. Ja, er kannte die Serie als Jugendlicher, hätte sie jedoch nicht gesehen. Bei StudiVZ war er sogar der Gruppe beigetreten: „Ja, ich studiere Schauspiel, nein, ich gehe danach nicht zu GZSZ.“ Es ist anders gekommen und Harras erklärte auf Nachfrage, niemand in seiner Umgebung hätte ihm davon abgeraten. Nach einem kurzen Gastauftritt bei GZSZ hätte ihm der Producer eine Rolle angeboten, die er schon lange in der Schublade hatte – und nun mit Björn Harras umsetzen wollte. Nach sechs Stunden und einer Flasche Wodka in einer Neuköllner Kneipe hätte der jedoch gesagt: „Björn, nimm die Rolle nicht an! Du willst das nicht.“ Daraufhin habe er seine Mutter angerufen und gesagt: „Ma, ich werde unterschreiben!“ Allerdings unter der Voraussetzung, dass er viel an der Rolle mitarbeiten könne.

 
Die kurze Rückkehr des Patrick Gerners
Höhenpunkt des Abends war zweifellos die kurze Rückkehr des Patrick Gerners. Rauh zitierte aus einem Interview, in dem Harras erklärt hatte, er könne „jederzeit den Patrick aus der Tasche ziehen“, und fragte - mit Verweis auf das Improvisationstheater-, ob er bereit sei, hier und jetzt, ohne Schminke und Designer-Klamotten, für das Publikum noch einmal in die Rolle des Patrick Gerners zu schlüpfen. Björn Harras rutsche zunächst auf dem Stuhl hin und her, meinte, er könne es probieren, murmelte noch „Ich bin selber total aufgeregt“, erbat sich einen Moment Konzentration, beugte sich nach vorn und schlug die Hände vors Gesicht. Währenddessen griff Robert Rauh zu Karteikarten und Lesebrille - und moderierte seinen „besonderen Gast“ an. Als Björn Harras wieder aufschaute, schien Mimik und Gestik wie verwandelt. Und für alle GZSZ-Zuschauer war es ein kurzer Schreck: Da saß plötzlich Patrick! Und Björn redete wie Patrick. Angesprochen auf seine Verfehlungen (Schwarzgeld, Gefängnisaufenthalt etc.), bot sich die breite Spanne dieser ambivalenten Serienfigur: arrogant, aggressiv und angriffslustig; zum Schluss aber auch zerbrechlich und gefühlbetont. Szenenapplaus!

 

„Tatsächlich unangenehm“
Auf die Frage, wie viel Björn Harras in Patrick Gerner stecke, räumte der Schauspieler ein: „Vielleicht ein Prozent.“ Denn ungeachtet von vergleichbaren Verhaltensmustern sei die Figur hinsichtlich der Ansichten und des Lebensentwurfs „180 Grad von mir entfernt“. Spätestens nach dem improvisierten Interview hatte man jedoch den Eindruck, es sind weit aus mehr Prozente. Mehr als ihm vielleicht bewusst - oder er zuzugeben bereit ist. Ob denn mit dem Tod der Serienfigur für Björn Harras eine Rückkehr in die Serie komplett ausgeschlossen sei? Er will das nicht ausschließen: wenn es eine interessante Rolle sei, man auf ihn zukomme und es zeitlich passe. Unmöglich sei dagegen „definitiv eine Rückkehr auf längere Zeit“. 
Rauh verwies auf die Popularität des Schauspielers durch GZSZ: Er sei eine öffentliche Person, habe bei Facebook über 10.000 Fans und werde auf der Straße erkannt und angesprochen. Ob ihm das Ausmaß vorher bewusst gewesen sei. Nein! Abgesehen davon sei für ihn die Schauspielerei „mehr Handwerk und eigene Freude als Glanz und Glamour“. Der Hype um seine Person sei ihm „tatsächlich auch unangenehm“. Was ihn darüber hinaus von anderen Soap-Stars unterscheidet: Björn Harras nutzt seine Popularität für sein politisches Anliegen. Er drehte mit seinen GZSZ-Kollegen einen Kurzfilm gegen Gewalt im Alltag - und besucht Schulen, um mit Jugendlichen in Rollenspielen zu trainieren, wie man sich gegen Intoleranz zur Wehr setzen kann.
Und die Jugendlichen, die Björn Harras auch nach seinem Serienausstieg weiterhin als Schauspieler sehen wollen, gehen ins Improvisationstheater nach Kreuzberg. Harras ist seit 2009 festes Ensemblemitglied der stadtbekannten „Gorillas“. Und präsentiert dort, was ihm an seinem Beruf so wichtig ist: Handwerk und Spielfreude!   
Man hätte sich gewünscht, der Moderator würde auch nach den beruflichen Zukunftsplänen seines Gastes fragen. So blieb es am Ende - im Rahmen der obligatorischen fünf Halbsätze – bei der knappen Auskunft: „2023 werde ich ... vielleicht nicht mehr in Deutschland wohnen.“ Ja, wo denn dann?

 

Manuela Stein

 

 

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