Schönhausener Schlossgespräche
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Corinna Harfouch & Robert Rauh lesen aus dem Briefwechsel zwischen Friedrich II. und Wilhelmine

Mittwoch, 12. Dezember 2012

 

 

Unüberhörbar

 

Ist zu Friedrich dem Großen in diesem Jahr nicht alles schon gesagt, geschrieben und gelesen worden? Die Schauspielerin Corinna Harfouch und der Historiker Robert Rauh bewiesen mit ihrer Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Friedrich II. und seiner Schwester Wilhelmine, dass es durchaus Neues, ja Überraschendes zu entdecken gibt. Und es war spannend – bis zum Schluss. Das lag nicht nur an der Textauswahl, sondern auch an den Vortragenden, die zum dritten Mal im Schloss Schönhausen gemeinsam auftraten und das Publikum erneut in ihren Bann zogen.

Das durchdachte Konzept eröffnete auch dem geschichtlichen Laien einen Pfad durch den Dschungel der ereignisreichen Regentschaft Friedrichs. Die Auswahl der Briefe gliederte sich in fünf Teile, denen Rauh jeweils kurze und prägnante Einführungen voranstellte:


1. Geschwisterliebe und Ehe
2. kranke Herrscher in Berlin und Bayreuth
3. Friedrichs Thronbesteigung und Konflikte
4. Wilhelmines Reise nach Italien
5. Krieg und Krankheit Wilhelmines

 

Schauspielerin und Historiker blätterten so chronologisch die facettenreiche Geschwisterbeziehung anhand geläufiger und weniger bekannter Stationen auf.
Friedrichs Sonaten bildeten in diesem literarisch-musikalischen Programm keine Umrahmung, sondern fügten sich harmonisch in die Rezitation. Denn der Bruder berichtete der Schwester auch stolz von seinen Kompositionen. Sehr überzeugend: Clemens Rohde (Querflöte) und Maximilian Müller (Fagott).

 

Die Auswahl der Briefe ließ tief blicken: auf die Verhältnisse am preußischen Königshaus, in der es keine Familien-Nanny gab, und auf die Rollenverteilung in der angespannten Geschwisterbeziehung nach Friedrichs Thronbesteigung. Die rhetorische Interpretation von Harfouch und Rauh wirkte verstörend, wenn Friedrich und Wilhelmine zynisch kommentieren, wie die (Schwieger-)Väter in Berlin und Bayreuth mit dem Tod ringen. Vergnüglich, wenn sich die Geschwister in einer unerwarteten Modernität über Papst, Paläste und Ruinen im antiken Rom austauschen. Und dann wieder sehr berührend, wenn die beiden sich in Krisenzeiten gegenseitig Mut machen. Bewegend auch, wie Wilhelmine über ihren bedrohlichen Krankheitszustand berichtet, der es ihr kaum mehr ermöglicht, die Feder zu halten, und wie Friedrich wiederholt fleht: „Erhalte dein Leben!“ Vergeblich: Wilhelmine stirbt 1758 - mit 49 Jahren - mitten im Siebenjährigen Krieg. Der Schluss bildet die Verzahnung der letzten beiden Briefe: Zeit und Raum lösen sich auf; die Geschwister scheinen eins.

 

Dass sich Corinna Harfouch und Robert Rauh unüberhörbar gut verstehen, bewiesen auch Nebensächlichkeiten, die das Publikum zwischendurch amüsierten: Während Rauh las, nahm die erkältete Harfouch ihm grinsend das volle Glas Wasser weg und stellte ihm ihr leeres hin. Spontan fälschte er den Quellentext: „Es waren jene unwürdigen Geschöpfe, die zuerst den Apfel der Zwietracht zwischen Geschwister geworfen haben, die sich zärtlich liebten und das Wasser immer geteilt haben.“ Dem Historiker sei es nachgesehen. 

 

Christian Wagenburg

 

 

Zum Briefwechsel

 

Die Königskinder Friedrich und Wilhelmine verbindet schon als Kinder eine innige Geschwisterliebe. Und die autoritäre Erziehung des Soldatenkönigs schmiedet sie noch enger zusammen.


Nach dem gescheiterten Fluchtversuch Friedrichs im Jahr 1730 wird der Kronprinz verhaftet und auf Anweisung des Vaters nach Küstrin gebracht. Wilhelmine als engste Vertraute des Kronprinzen wird im Berliner Schloss arrestiert. Da sie aus Angst vor dem Vater sämtliche frühen Briefe vernichtete, ist der Briefwechsel der Geschwister erst ab 1730 – wenn auch nicht vollständig – überliefert.


Friedrich, der nach der Hinrichtung seines Freundes und Fluchthelfers Katte gebrochen ist und nach außen gefühlskalt wirkt, zeigt sich in der Korrespondenz mit seiner Lieblingsschwester leidenschaftlich und liebevoll. Aus den Briefen, die nach der Hochzeit Wilhelmines zwischen Berlin und Bayreuth ausgetauscht werden, spricht Liebe und Vertrauen, die die zeitgenössischen Floskeln der Zuneigung sprengen. Neben Plaudereien über Philosophie und Kunst schlüpfen Bruder und Schwester auch in Rollen - und kokettieren mit dem jeweils anderen Geschlecht.
Während der Kronprinzenzeit Friedrichs überbieten sich die beiden zudem in zynischen Kommentaren über den Krankheitszustand der Herrscher in Preußen und Bayreuth, die den ehrgeizigen Ambitionen auf die Thronfolge im Wege stehen. Endlich in den ersehnten Ämtern offenbart der Briefwechsel auch Konkurrenz: König Friedrich gefällt sich in der Rolle des überlegenen Ratgebers. Und die selbstbewusste Markgräfin pocht nicht nur auf politische Eigenständigkeit. Als Wilhelmine im Sterben liegt, schreibt der Alte Fritz jedoch: „Unsere lebendige Zärtlichkeit hat nie die geringste Einbuße erfahren.“

 

 

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Friedrich II. und Wilhelmine
Foto: SPSG