Schönhausener Schlossgespräche
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Christiane Paul

7. November 2012

 

 

Es war ein Fest, vielen herzlichen Dank für die so liebevoll vorbereitete Gesprächsrunde.
Christiane Paul
7.11.2012

 

Zwei kluge, feinsinnige, charmante und ursympathische Gesprächspartner,
die sich – ob ernst oder heiter – sichtlich gern aufeinander einlassen und
das Publikum mit hineinnehmen in diese Atmosphäre.
Eva Springborn, ehemalige Lehrerin von Christiane Paul und Robert Rauh
11.11.2012

 

 

„Du kannst das nur ganz oder gar nicht machen!“

 

Einstieg verpatzt

Es sollte wieder alles perfekt über die Schlossbühne gehen. Aber den Einstieg „verpatzten“ die Organisatoren. Zunächst unterbrach Assistent Matthias Pasler Moderator Robert Rauh in seiner Begrüßungsansprache, indem er ergänzte, der heutige Gast komme AUCH aus Pankow. Begeistertes Klatschen im Publikum. Und dann kam Christiane Paul plötzlich in den Saal gelaufen, winkte ins Publikum und gab dem sichtlich irritierten Moderator lächelnd die Hand. Weder hatte Rauh die Schauspielerin bereits angekündigt noch hatte Pasler wie gewohnt ein originelles Zitat des Gastes verlesen. Und dabei hatten beide wieder etwas Passendes, ja fast Programmatisches ausgesucht: Kein Zitat, sondern ein Lied der Gruppe Die Zimmermänner: „Setz dich hin und halt das Maul. Jetzt kommt Christiane Paul.“
Aber: Alle reagierten flexibel. Rauh führte seinen Gast aufs Podest und meinte, sie sei eigentlich zu früh; Paul antwortete grinsend, sie sei reingeschickt worden, und Pasler spielte den Musiktitel zur Freude des Publikums und der Besungenen dennoch ein. So erfuhr man auch den entscheidenden Grund für die Lobeshymne von 2007: „Ich kannte den einen jungen Herren näher“, erklärte Christiane Paul laut lachend.

 

Leben auf der Öko-Baustelle
Ohne Frage: Ihre Natürlichkeit ist bestechend. Nicht nur auf der Leinwand, sondern auch live. Sie musste im Publikum nicht um Sympathie werben. Und bei den stolzen Fans der berühmten Tochter Pankows ohnehin nicht. Statt kuschelig lokal wurde es zunächst global: Denn Rauh thematisierte im ersten Teil des Gesprächs Christiane Pauls Buch mit dem anspielungsreichen Titel „Das Leben ist eine Öko-Baustelle“ (2011). Es beschreibt nicht nur die Gefahren des Klimawandels, sondern auch den Versuch Pauls, ökologisch bewusst zu leben. Eine Schauspielerin als Öko-Expertin? Das Thema treibe sie schon lange um und der 2006 veröffentlichte Bericht des IPCC-Klimareports (Kernbotschaft: Temperaturanstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, wenn die Treibhausemissionen nicht reduziert werden) habe sie beängstigt und zugleich alarmiert.
Auf zitierte Kritiken Ihres Buches reagierten sowohl Buchautorin als auch Moderator völlig entspannt: „Das kann schon sein, dass es lehrerhaft rüberkommt“, entgegnete Christiane Paul. Eigentlich hätten sie und ihr Co-Autor Peter Unfried genau das zu vermeiden versucht. „Aber wenn man ein Anliegen hat, dann möchte man Dinge auch transportieren.“ Er könne das nicht bestätigen, fügte Rauh hinzu, aber er sei auch kein Maßstab, weil er selbst Lehrer sei.
In Gespräch wurde auch deutlich, dass Christiane Paul das für sie so wichtige Thema Ökologie keinesfalls als Gesinnungsthema angeht, sondern mithilfe von Experten einer argumentativen Prüfung unterzieht. So lässt sie in ihrem Buch eine Reihe engagierter Wissenschaftler, Politiker und Autoren zu Wort kommen, z.B. den Klimakulturforscher Harald Welzer oder den grünen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Wer sie denn am meisten beeindruckt habe? Eigentlich alle. Unabhängig davon sei es ein „Riesen-Glück“, die Menschen, deren Bücher sie mit großem Interesse gelesen habe, nun in der Rolle der Journalistin zu treffen. Sie habe sich ein bisschen wie auf einer „Fan-Reise“ gefühlt, schwärmte Paul.

 

„Sagen Sie ihm, er hat schon gut angefangen!“

Als Rauh sie fragte, was sie als „Klimaschutz-Ministerin mit unbegrenzten Vollmachten“ tun würde, wies sie nachdrücklich darauf hin, dass es ihr gar nicht um konkrete Maßnahmen ginge, sondern um „ein generelles Lebenskonzept, das sich ändern muss“. In der Wirtschaft und im Leben jedes Einzelnen. Bezug nehmend auf Pauls Versuche, auch ihre Familie zu bekehren, wollte Rauh exemplarisch wissen, wie denn die Kinder auf die Ernährungswende ihrer Mutter in Form einer vegetarischen Woche reagiert hätten („Sie haben es unter Schmerzen durchgezogen, aber es war problematisch, weil gerade Kinder eine ausgewogene Mischkost wollen“) und was ihre zwölf Jahre ältere Schwester nach - der im Buch wiedergegebenen - Diskussion über Ökobewusstsein geändert habe (Sie kaufe Geflügel jetzt beim Bauern). Moderator Robert Rauh wurde dann konkret und ließ den Einkauf seines Bruders in den Saal bringen, um ihn von Christiane Paul überprüfen zu lassen. Die ließ sich darauf ein und kommentierte kenntnisreich die vorgelegten Lebensmittel und deren Verpackungen. So beispielsweise die sinnlose Plastikverpackung um die Gurke: „Das wird aber aufhören, weil wir bald kein Erdöl mehr haben.“ Pauls Fazit: „Sagen Sie ihm, er hat schon gut angefangen. Man soll ja immer positiv bestärken.“ Und generell: „Man muss wissen, wie man mit Nahrungsmitteln umgeht. Das kann man inzwischen nicht mehr voraussetzen.“ 

 

An das Wertesystem geglaubt

Im zweiten Teil ging es um Pauls Pankower Jugend in der Wende-Zeit. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester, die sich früh von der DDR ab- und Mitte der 1980-er Jahre der Friedensbewegung zugewandt hatte, gehörte die junge Christiane (1989 war sie 15 Jahre) zu denjenigen, die an das ihr vermittelte Wertesystem geglaubt hätten: „Solidarität, Frieden, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und Freundschaft im weitesten Sinne waren Werte, die ich als durchaus erstrebenswert empfand.“ Ihre Schwester hätte sich dagegen betrogen gefühlt und sei enttäuscht gewesen über die beschränkten Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Von dem Ausreiseantrag, den ihre Schwester 1986 gestellt und später aus Rücksicht auf ihre Eltern wieder zurückgezogen hatte, wusste Christiane Paul damals allerdings nichts. Und als Rauh nachhakte, räumte sie offen ein, mit ihrer Schwester bis heute nicht darüber gesprochen zu haben. Auch nicht über Christianes Entscheidung in der Schule, Agitatorin in der Grundorganisationsleitung (GOL) der FDJ zu werden. Sie vermute, ihre Schwester habe vielleicht gedacht: „Ich müsse das machen, weil ich das wirkliche Leben noch nicht erkannt habe.“

 

„Sie war wissbegierig.“

Natürlich durfte in Pankow nicht die Frage nach Christiane Pauls Zeit an der Friedrich-List-Schule (heute Max-Delbrück-Gymnasium) in Niederschönhausen fehlen. Auf der Oberschule (1990-92) hätte Christiane Paul Gleichgesinnte getroffen: Jugendliche, die sich politisch engagieren, kulturell interessieren und die „ein klares Leistungsverständnis haben“. Und eine Lehrerschaft, die „unser Leistungsbestreben“ verstanden hätte. Ohnehin sei es eine aufregende Zeit gewesen. So habe Christiane Paul als Schülersprecherin die Schule mobilisiert, gegen den Irakkrieg (1991) auf die Straße zu gehen.
Dann steuerte Rauh auf den emotionalen Höhepunkt des Abends hin, indem er - scheinbar ahnungslos – Christiane Paul fragte, ob sie an der Schule auch eine Theater-AG besucht hätte. Paul bestätigte das und nannte auch gleich die verantwortliche Lehrerin: Frau Springborn. Daraufhin wurden zur Überraschung der Schauspielerin Fotos eines Workshop von 1991 eingeblendet und Rauh berichtete, er hätte diese Lehrerin in der alten Schule getroffen und über Christiane Paul befragt. Die ältere Dame (heute im Ruhestand) sprach dann via Leinwand über ihre wohl berühmteste Schülerin: „Sehr angenehm. Wunderbar. Aber eine ganze Klasse davon hätte man nicht ertragen.“ Gelächter im Saal. „Sie war wissbegierig im allerbesten Sinne des Wortes.“ Christiane Paul bedauerte, dass sie Frau Springborn nur in Latein hatte und nicht in Deutsch. Perfekte Überleitung für den Moderator: „ICH hatte sie in Deutsch.“ Rauh „verriet“, dass auch er an der List-Schule sein Abitur absolviert habe, stimmte seinem Gast zu, dass diese Lehrerin auch für ihn zu den prägenden Persönlichkeiten gehörte, und ließ als Bonbon Frau Springborns Statement über den Schüler Robert einspielen, das aus Versehen bei dem Interview mitgeschnitten wurde: „Auch Sie haben verdammt kluge Fragen gestellt. Und es hat mir Spaß gemacht, mich darauf einzulassen. Ich habe ja die Querdenker gemocht.“ Applaus für Frau Springborn, die nicht nur zur Freude ihrer ehemaligen Schüler Christiane und Robert im Publikum saß.

 

„Du hast Talent!“

Im letzten Teil ging es um das Modeln und die Schauspielerei. Christiane Paul erzählte, dass sie über das Modeln („ein wirklich hartes Geschäft“) für den Film entdeckt wurde. 1997 hatte sie mit dem Streifen „Das Leben ist eine Baustelle“ ihren Durchbruch. Warum das ein Kultfilm sei, wollte Rauh wissen. Er sei einfach ein guter Film, denn hier hätte das Gesamtpaket (Drehbuch, Regie, Besetzung) gestimmt. Und er habe den Nerv der damaligen Zeit getroffen: Das „Suchen und Finden“ im Berlin nach der Wiedervereinigung. Zudem habe der Regisseur Wolfgang Becker „auch eine ganz bestimmte Art, den Leuten ins Herz zu gucken“.  
Die traditionelle Umfrage im Schlosspark bestätige, was offenbar Zuschauer und Regisseure an Christiane Paul als Schauspielerin gleichermaßen schätzen: ihre Natürlichkeit. Der anfangs etwas verlegene Kommentar Pauls zu der Umfrage geriet zu einer Grundsatzerklärung über ihren Beruf: „Es wird unterschätzt, dass man es schaffen muss, eine Authentizität in dieses Medium Film zu bringen. Dass man die Figur, die man sieht, nahbar macht, und tatsächlich auch authentisch und natürlich spielt. Die Amerikaner sagen: `You must be real on stage.´ (...) Das ist gar nicht so einfach herzustellen. Und wenn das die Zuschauer so empfinden, dann ist das ein großes Kompliment.“ Rauh wollte gar nicht glauben, dass Christiane Paul lange darauf gewartet habe, bis endlich jemand (2004!) zu ihr sagte: „Du hast Talent!“ Es müsse aber über die Begabung hinausgehen. Und man müsse sich darüber im Klaren sein, dass dies ein Prozess sei. Dass Christiane Paul begabt ist, bewiesen Ausschnitte aus bekannten Filmen und der aktuellen TV-Serie „Der Doc und die Hexe“, in der sie eine Ärztin spielt. 
Keine Frage ist Christiane Paul wohl öfter gestellt worden: die Frage nach der schweren Entscheidung FÜR die Schauspielerin und GEGEN die Ärztin. Auch Robert Rauh wollte darauf nicht verzichten und holte weit aus: „Ist diese Entscheidung, die bereits 2003 fiel, vielleicht deshalb so schwierig gewesen, weil es sich hier um zwei Traumberufe handelt? Weil man diese beiden Tätigkeiten, die einem ja alles abfordern, parallel nicht gut ausführen kann, wenn man eine Perfektionistin ist?“ „Ja“, so die knappe, aber eindeutige Antwort, „das haben Sie sehr schön formuliert.“ Zehn Jahre habe Christiane Paul das beschäftigt, „bis klar war, dass ich mich entscheiden muss“. Bereits als Schülerin hätte ihr die Theaterlegende Inge Keller bei einem Nachmittagstee in Pankow über die Schauspielerei geraten: „Du kannst das nur ganz oder gar nicht machen!“ Und Christiane Paul ergänzte – nicht ohne tief Luft zu holen: „Im Endeffekt hatte sie Recht.“

 

Manuela Stein

 

 

Zur Biografie

 

Christiane Paul ist in Ost-Berlin geboren und in einem „bürgerlichen Haushalt“ in Pankow aufgewachsen. Nach dem Abitur an der Friedrich-List-Oberschule studierte sie an der Humboldt-Universität - wie ihre Eltern - Medizin. Sie promovierte 2002 über Hüftgelenke; gab den Arzt-Beruf jedoch zwei Jahre später auf - der Schauspielerei zuliebe. Bereits während des Studiums kam sie über einen Model-Wettbewerb und ein Casting zum Film. Seitdem hat sie in vielen preisgekrönten Filmen mitgespielt. Darüber hinaus spielt sie Theater, liest Hörbücher und veröffentlichte im letzten Jahr ein Buch über ihre Bemühungen, umweltbewusst zu leben: Das Leben ist eine Öko-Baustelle. Denn neben Beruf und Familie engagiert sich die erfolgreiche Schauspielerin auch für den Umweltschutz. Wer ist Christiane Paul: „Schauspielerin oder Ärztin, Umweltaktivistin oder Kämpferin für eine bessere Bildung? In mir rangeln viele Interessen um den ersten Platz. Vom Traum zur Tat, das wäre mein größter Traum.“

 

 

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