Schönhausener Schlossgespräche
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Jens Bisky

17. Oktober 2012

 

 

Vielen Dank für die kluge Moderation und den angenehmen Abend über
Friedrich II. und die DDR
Herzlich Jens Bisky
17.10.2012

 

 

„Seine Majestät hätte sich amüsiert.“

 

Kein zweiter Gast passe idealer nach Schönhausen, erklärte Moderator Robert Rauh in seiner Begrüßung zum 10. Schlossgespräch. Wie das Museumsschloss biete der Publizist und Journalist Jens Bisky mit zwei seiner erfolgreichen Publikationen einen ungewöhnlichen Brückenschlag zwischen Friedrichs Preußens und der DDR: Mit seinem 2011 erschienen Lesebuch „Unser König“ und mit seiner Autobiografie „Der 13. August. Der Sozialismus und ich“. So bildeten Friedrich II. und Biskys Jugend in der DDR auch die zentralen Themen des Gespräches - mit einem rhetorisch versierten, äußerst aufgeschlossenen und durchaus sympathischen Gast.

 

In Anspielung auf ein Zitat Biskys zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen im Januar 2012 wollte Rauh am Anfang wissen, ob denn auch die Augen seiner Majestät zu diesem Jubiläumsjahr geleuchtet hätten. „Er hätte sich vor allem amüsiert, dass die Deutschen sich heute so ausführlich mit seiner Person beschäftigen - in einer Zeit, in der es Preußen nicht mehr gibt.“ Jens Bisky würde es auch überraschen, wenn es dieses Interesse am „prominentesten Helden der preußischen Geschichte“ nicht gäbe. Zwar liege Preußen weit zurück, aber wir würden ja alle aus „antipreußischen Gründungen“ stammen (Bundesrepublik und DDR) und mit der Wiedervereinigung habe man die „Geschichtslandschaft Brandenburgs“ neu entdecken können. Dabei erwähnte der Gast zur Freude des Moderators exemplarisch auch das „wundervolle Schloss Schönhausen“! 
Zeitgenossen und die Nachwelt haben sich besonders für die Widersprüchlichkeit Friedrichs interessiert; Jens Bisky wies jedoch auf ein grundsätzliches Problem im Hinblick auf die Äußerungen des Kronprinzen und Königs hin: „Friedrich gab gerne Auskunft über sich. Aber er zeigt uns nie das Innere seiner Seele. Er wird als Person nie durchsichtig, sondern er verfolgt immer einen bestimmten Zweck“: in geselligen Runden, in Gesprächen mit Gesandten und selbst in den Briefen an seine Lieblingsschwester Wilhelmine. Selbst der Antimachiavell sei auch geschrieben worden, um die Erwartungen in ganz Europa auf seine Thronbesteigung anzuheizen.


Die Frage nach Friedrichs Ehefrau Elisabeth Christine, die Schloss Schönhausen über 50 Jahre als Sommersitz nutzte, war natürlich Pflicht. Rauh betonte, sie sei beim Festakt zum 300. Geburtstag Friedrichs im Schauspielhaus mit keinem Wort und in Biskys Buch nur dreimal erwähnt worden; das hätte seiner Majestät sicher gefallen, denn auch in Friedrichs Leben spielte sie ja keine Rolle. Hatte Elisabeth Christine denn überhaupt eine Chance, Liebe und Anerkennung von Friedrich zu bekommen? Kurz innehaltend antwortete Bisky schmunzelnd: Er zögere immer sehr, fremde Ehen zu kommentieren. „Man ist ja mit dem eigenem Beziehungsgeschehen im Regelfall schon überfordert.“ Aber ganz klar sei: Die Heirat mit Elisabeth Christine war der „letzte Unterwerfungsakt“, den der Vater, Friedrich Wilhelm I., von seinem Sohn gefordert hätte. Darüber hinaus wäre Friedrich ohnehin nicht so gern in weiblicher Gesellschaft gewesen.
Jens Bisky musste sich auch dem inzwischen traditionellen Quiz der Schlossgespräche stellen, das ganz auf seinen prominenten Gegenstand zugeschnitten war: Es ging um die zum Teil sarkastischen Randverfügungen Friedrichs auf Briefen, Gesuchen und Berichten seiner Untertanen und Beamten. Der Gast musste sich zwischen drei angebotenen Varianten entscheiden und lag immer richtig: Jens Bisky kennt seinen König offenbar sehr genau.

 

Im zweiten Teil wurde Biskys Autobiografie thematisiert. Es sei der Versuch am Beispiel des eigenen Lebens etwas über die DDR zu erzählen. Motiviert habe ihn auch Jana Hensels Buch „Zonenkinder“, worin ihm „dieses Wir des Erlebens“ missfallen habe. „Was ich erst Ende der 1980er-Jahre gemerkt und dann vor allem in den 1990er-Jahren gespürt habe: Dieses Wir hat es nicht gegeben, sondern wir, wir haben, jeder hat in einer sehr eigenen DDR gelebt. Und ich als Sohn eines streng marxistischen Wissenschaftlers habe im Detail nicht gewusst, wie der Sohn eines Pfarrers lebt und sich fühlt. Und habe erst recht nicht gewusst, wie es in Fabriken in Schwedt und Eisenhüttenstadt aussieht. Eine Öffentlichkeit, die diese Informationsdefizite hätte ausgeglichen können, die gab es nicht.“
Parallelgesellschaften auch in der DDR. Viel Zustimmung im Publikum. 

Auf eine von Rauh zitierte Kritik, das Buch komme zu keiner Reflexion oder kritischen Einschätzung, sondern bleibe bei der Beschreibung, reagierte Jens Bisky schmallippig: „Das müssen die Leser entscheiden. Da ich selbst im Rezensionsgewerbe tätig bin, kommentiere ich das nicht. Sie haben ja die freundlichen Kritiken ausgewählt. Es gibt ja auch noch bösere.“ Im Übrigen habe er genau überlegt, was an welcher Stelle stehe und was er weglasse. Rauh insistierte dennoch: Der Autor biete über den Ja-Sager Jens (Ja zum FDJ-Sekretär, Ja zum Agitator in der GOL, Ja zum NVA-Offizier für vier Jahre) dem Leser nur Fragen. „Wenn ich es genau gewusst hätte, stünden dort keine Fragezeichen, sondern eine klare Antwort. Ich habe einige Fragen addiert, um darauf hinzuweisen, dass solche Entscheidungen nicht aus einem Motiv heraus zu erklären sind. (...) Wenn Sie mich aber jetzt fragen: Ich war Jungpionierratsvorsitzender und warum sollte ich nicht FDJ-Sekretär werden? Es gab keinen Grund, damit anzufangen, Nein zu sagen. Das kann man heute blöde finden. Nur: Es ist nicht nur ein Motiv. Es ist nicht auf eine Formel zu bringen.“ Ob es denn auch eine Ja-Schwelle in seinen Überlegungen gegeben habe, über die er nicht gegangen wäre? Bisky überlegte einen Moment: „Nein. Ich habe 1983 auch nicht an das MfS gedacht. (...) Es ist auch keiner gekommen. Zu meinem Glück. Sodass ich die Entscheidung nicht treffen musste. Aber: Ich habe mir die Frage überhaupt nicht gestellt.“

 

Bisky räumte allerdings ein, dass er seine Armeezeit im Buch heute anders darstellen würde: „Das waren vier verlorene Jahre. Ich habe da auch nichts gelernt.“ Wie er sein „Doppelleben als Leutnant und Liebhaber“ (Bisky) ausgehalten habe, wollte Rauh wissen. Es sei anstrengend gewesen und er hätte auch regelmäßig den Gedanken gehabt, hinzuschmeißen. Aber dann hätten ihm Freunde und sein damaliger Lebensgefährte Wolfram zugeredet - und er hätte weitergemacht. Einen solchen Moment, in dem er gedacht hätte, das müsse jetzt aufhören, gab es in einer kalten Winternacht vor dem Schauspielhaus in Berlin im Jahr 1988. Bei den Dreharbeiten zum DDR-Film „Coming Out“, der den „Mittelpunkt meines zivilen Lebens zwischen 1986-89 bildete“. Das Drehbuch für den Film, der am 9. November 1989 seine Premiere feierte, schrieb Wolfram Witt.

Im Rahmen der fünf Halbsätze wollte Moderator Robert Rauh zum Abschluss von seinem Gast wissen, in welches Jahr er mit einer Zeitmaschine gern zurückreisen würde. 1912! Warum? „Um die Kaiserzeit vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges live zu erleben.“ Friedrich reicht Jens Bisky offenbar nicht.

Am Ende ließ das Team die Korken knallen: Es gab es Sekt für alle. Gefeiert wurde das 10. Schlossgespräch. Glückwunsch! 

 

Manuela Stein

 

 

Zur Biografie

 

Jens Bisky, Sohn des Politikers Lothar Bisky, ist 1966 in Leipzig geboren und in der DDR aufgewachsen; arbeitete nach Abitur und Wehrdienst 1989/90 bei Jugendradio DT 64 und studierte nach der Wende Germanistik und Kulturwissenschaft. Heute ist er als Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung tätig.
Über den berühmtesten Regenten der Preußen veröffentlichte Bisky im letzten Jahr ein viel beachtetes Lese-Buch: Unser König – Friedrich der Große und seine Zeit. Und er sieht viele Gründe, sich 2012 mit Friedrich II., „dem Einzigen“, zu befassen: „Die deutsche wie die europäische Geschichte wären anders verlaufen ohne diesen Monarchen.“
In seinem „wahren Buch über die DDR“ (DIE ZEIT): Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich reflektiert Jens Bisky über seine Jugend in den ostdeutschen Lebenswelten – der schonungslose Rückblick eines überzeugten DDR-Bürgers, dessen Emotionen für das „sozialistische Vaterland“ abstarben, bevor es unterging. „Zurück blieb das Interesse, zu verstehen, was gewesen ist.“  

 

 

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