Schönhausener Schlossgespräche
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Gregor Gysi

5. September 2012

 

Vielen Dank und gute Erfolge spendet bzw. wünscht Ihnen,
Gregor Gysi
5.9.2012

 

 

„Auch nach DDR-Recht wäre ich noch nicht Rentner.“

 

Auf die Abschlussfrage, was er denn morgen seiner Büroleiterin sagen würde, wenn sie ihn nach dem Abend im Schloss Schönhausen fragen würde, antwortete Gregor Gysi: „Das Publikum war toll!“ Die Zuschauer lachten laut auf und spendeten langanhaltenden Beifall. Der Polit-Star kam, redete und siegte. Und erfüllte damit alle Erwartungen. Man kann nur erahnen, über wie viel Anekdoten und Geschichten Gregor Gysi verfügt. Aus den Talkshows kennt man ja die Stereotype: „Lassen Sie mich das noch schnell sagen.“ Die Speicherkapazität scheint unendlich zu sein. Wäre da nicht Moderator Robert Rauh gewesen. Er bemühte sich - routiniert wie gewohnt - den roten Gesprächsfaden mit ausgewählten Themen aus der politischen Biografie Gregor Gysis nicht zu verlieren, blieb seinem Gast gegenüber zwar zugewandt, aber distanziert - und stellte auch unbequeme Fragen, wie die zum Stasi-Vorwurf. Aber Rauh ließ seinen Gast auch ausreden und mit entscheiden, über was gesprochen wird. Das bewies bereits die Einstiegsfrage: Weil Gysi ja beide Seiten kenne: Fragen gestellt zu bekommen (in unzähligen Talkshows) und Fragen zu stellen (in seiner eigenen Gesprächsreihe im DT), wollte Rauh wissen: „Wenn Sie Gast bei sich selbst wären, mit welcher Frage würden Sie das Gespräch eröffnen?“ Gysi würde nach der Kindheit und der Familie fragen; nur sei das bei ihm bekannter als bei den meisten seiner Gäste im DT. Daraufhin begann der Moderator mit den Schauspiel-Auflügen des jungen Gregors, der als Kind DEFA-Filme synchronisiert, in einem Fernsehspiel mitgewirkt und später bei Langhoff im DT für den Sohn des Wilhelm Tells (erfolglos) vorgesprochen hatte. Über seinen prominenten Vater Klaus Gysi (DDR-Kulturminister u.a.) und über seine Schwester, die eigentlich Anwältin und nicht Schauspielerin werden sollte. Anders als Gabriele Gysi, die in den 1980er-Jahren aus der SED ausgeschlossen wurde und dann in den Westen ausgereist war, entschied sich ihr Bruder Gregor in der DDR zu bleiben – und gab dafür mehrere Gründe an: „Erstens war und bin ich wirklich Sozialist, d.h. ich war damals davon überzeugt, dass die DDR zwar große Mängel hat, aber doch mit dem Volkseigentum gesellschaftspolitisch einen Schritt weiter ist.“ Zweitens sei er damals alleinerziehender Vater gewesen, der seinem Sohn keinen Schulwechsel in einem völlig unbekannten Land zumuten wollte. Und drittens hätte er den idealen Beruf in der DDR gehabt: Er sei Rechtsanwalt gewesen und konnte dem Staatsanwalt im Gerichtssaal sagen, dass er Unrecht hätte.

 

Rauh wies darauf hin, dass Gregor Gysi als Rechtsanwalt in der DDR zwar primär „normale“ Mandanten vertreten hätte: Diebe, Mörder, Räuber, Sittlichkeitsverbrecher..., jedoch erst durch seine politischen Mandate „prominenter“ Dissidenten bekannt geworden sei. Nachdem Gysi auf Nachfrage antwortete, Rudolf Bahro sei sein schwierigster Fall gewesen, wurde dieser vertieft und gab interessante Einblicke in die politische Strafjustiz der DDR. Von Anfang an, so erklärte Gysi, sei es ein großer Fehler gewesen, Bahro zu verurteilen. „Was hat das der DDR genützt?“ In diesem Zusammenhang klärte er auch auf, dass er Freispruch „nur“ für das „Hauptdelikt“ (also Nachrichtenübermittlung) beantragt hatte - und für das „Nebendelikt“ (also Verrat von Geheimnissen in Protokollen, die Bahro in den Westen geschickt hatte) „eine wesentlich geringere Strafe als die vom Staatsanwalt geforderte“.


Für die Wendezeit zog Rauh den Bogen von Gysis Rede auf der legendären Demonstration am 4. November 1989 bis zur Übernahme des SED/PDS-Vorsitzes im Dezember, einschließlich der Medien-Kampagne - exemplarisch anhand des SPIEGEL-Titels „Der Drahtszieher“ in gelber Schrift vom Januar 1990.

Dann war Zeit zum Durchatmen, nicht jedoch zum Innehalten: Für das Quiz hatte sich das Schlossgespräche-Team diesmal überlegt, den zunächst etwas irritierten Gysi unter mehreren Varianten raten zu lassen, wie die Fortsetzung eines bereits geäußerten Satzes bzw. die Antwort auf eine früher gestellte Fragen lautete. Er lief erwartungsgemäß zu Hochform auf und kommentierte bereits während des Ratespiels stolz: Bis auf einen Fehler wisse er doch ganz gut über sich Bescheid. Überhaupt verzichteten die Organisatoren nicht auf die bewährten Medien-Elemente: Neben Bildern, Schlagzeilen und Filmausschnitten wurde diesmal ein kurzes Interview mit einem Freund und Kollegen Gysis über eine FDJ-Delegiertenkonferenz 1968 an der Sektion Rechtswissenschaft der Humboldt-Universität eingespielt. Und statt einer Umfrage im Schlosspark gaben Jugendliche aus Hohenschönhausen ihr Statement zum Politiker Gregor Gysi ab.


Die Stasi-Problematik polarisierte allerdings - im Publikum. Moderator Robert Rauh kündigte an, dass er lange überlegt habe, wie aber nicht ob er es anspreche. Weil sein Gast mit dieser Frage ja schon so oft konfrontiert worden sei. Daher habe er sich entschieden, eine Übersicht zu geben: Über das, was bekannt sei. Und bat Gregor Gysi ihn zu unterbrechen, wenn irgendetwas nicht stimme. Faktengesättigt trug Rauh zunächst vor, was Gysi entlaste (zentral: keine IM-Akte) und listete dann Widersprüche auf. Der Gast ließ sich darauf ein und bewies mit seinen Einlassungen, wie kompliziert und komplex sein Fall ist. Auch Rauhs Beispiele (Gysis Trabi-Fahrt mit dem Maler Klingenstein im Jahr 1979 und der Stasi-Bericht von 1989 über ein SPIEGEL-Interview Gysis) beweisen erneut: Die Akten können unterschiedlich gedeutet werden und spiegeln weiß Gott nicht die historische Wahrheit wieder. Und dann die Frage, wie die Informationen aus Gysis Kanzlei zum MfS gelangten. Ob er denn eine Vermutung habe, wer das Leck in seiner Kanzlei sei, wollte Rauh wissen. Ja, er habe eine Vermutung. Aber: „Ich äußere keinen Verdacht, es sei denn ich kann ihn beweisen.“ Ob er mit dem Verdächtigen unter vier Augen gesprochen hätte? Nach langem Zögern hätte er eine Frau befragt; die sei knallrot geworden und habe „Nein“ gesagt. Auf die Frage, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, bereits 1992 öffentlich nicht prinzipiell auszuschließen, dass Kontakte zur Staatssicherheit bei politischen Mandaten notwendig und nicht zu vermeiden gewesen wären, entgegnete Gysi: „Sie müssen mir jetzt nicht eine falsche Verteidigungsstrategie vorwerfen.“ Er habe nie bestritten, dass er mit den Offizieren der Staatssicherheit gesprochen hätte, wenn sie das „Untersuchungsorgan“ gewesen seien und einmal nach seiner Ernennung zum Vorsitzenden des Berliner Rechtsanwaltskollegiums; Stasi-Offiziere des Bezirksverwaltung Berlin hätten damals einen Kontakt zu ihm herstellen wollen, er habe das jedoch „gemeinerweise“ an seinen Stellvertreter delegiert. Und er blieb dabei: Seine Verhandlungspartner saßen im ZK, in der Abteilung Staat und Recht.

Als Gregor Gysis Rücktritt vom PDS-Vorsitz 1993 angesprochen wurde, erzählte Moderator Robert Rauh von seiner ersten zufälligen Begegnung mit Gysi ein Jahr später – auf der Toilette im Liebknecht-Haus. Rauh hätte Gysi am Waschbecken gefragt, warum er zurückgetreten sei. Bevor Rauh die typische Gysi-Antwort präsentierte („Um mehr Politik zu machen!“), warf Gysi provokant ein: „Sie waren doch 1994 nicht schon erwachsen?“ Nach kurzer Sprachlosigkeit entgegnete Rauh: „Der geht nachher zurück“ und verpackte am Ende des Gesprächs den an ihn herangetragenen Wunsch, er möge Gysi unbedingt auf Sarah Wagenknecht ansprechen, in die Frage nach Gysis Rente und dem Generationswechsel bei den Linken: Wann denn mit einer Fraktionsvorsitzenden Wagenknecht zu rechnen sei? Das wisse er nicht. Im Übrigen habe er im Kopf ein „Enddatum“. Er sei einmal zu früh gegangen; jetzt müsse er aufpassen, dass er nicht zu spät gehe. Aber das Datum werde er nicht verraten. „Auch nicht hier und heute?“ „Nein!“ Klar. 

 

Manuela Stein

 

 

Zur Biografie

 

Gregor Gysi gehört zu den charismatischsten und zugleich umstrittensten Politikern des Landes. Seit über 20 Jahren engagiert er sich zunächst für die PDS, deren Vorsitz er 1989-93 innehatte, und dann für DIE LINKE, die 2007 aus der Fusion zwischen PDS und WASG hervorging. 2002 war er für ein halbes Jahr Berliner Wirtschaftssenator. Zurzeit ist Gregor Gysi Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag.


In der DDR war er seit 1967 Mitglied der SED und arbeitete ab 1971 als Rechtsanwalt, u.a. auch für bekannte Regimekritiker wie Robert Havemann und Bärbel Bohley. 1989 setzte er sich für die Zulassung der Oppositionsbewegung Neues Forum und die Verabschiedung eines Reisegesetzes ein. Gregor Gysi plädierte 1990 für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach Artikel 146 des Grundgesetzes, der eine neue – vom Volk beschlossene - Verfassung vorsieht. In Kontext seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt in der DDR werden immer wieder Vorwürfe laut, Gysi habe mit der Stasi kooperiert. Während der Immunitätsausschuss des Bundestages 1998 feststellte, er hätte in der DDR „wichtige Informationen“ an das MfS weitergegeben, beteuert er stereotyp, er habe „zu keinem Zeitpunkt wissentlich oder willentlich Informationen an die Stasi geliefert“ – und wird darin auch durch zahlreiche Gerichtsurteile bestätigt. Gregor Gysi wirbt bei seinen öffentlichen Auftritten vor allem für soziale Gerechtigkeit und gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr.

 

 

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