Schönhausener Schlossgespräche
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Alexander Osang

23. Mai 2012

 

Diesen Abend werde ich nie vergessen. Ich habe mich selten so gut ver-
standen gefühlt. Ehrlich gesagt, war ich aber auch noch nie auf einer
Veranstaltung, bei der es so sehr um mich ging. Das war natürlich sehr
schmeichelhaft, auch wenn ich gelegentlich den Eindruck hatte, ich sei bereits tot. Robert Rauh war unglaublich gut vorbereitet, ein paar Sachen aus meinem Leben, die er erwähnte, hatte ich schon vergessen. Es war liebevoll, ernsthaft und lustig zugleich. Eigentlich kenne ich diese Stimmung nur aus Amerika. Ein toller Abend. Vielen Dank.
Alexander Osang, 14.8.2012

 

 

„Extrem schwer zu sagen“

 

„Vier Tapfere haben sich für ein Interview bereit erklärt.“ Immerhin. Denn die Suche nach Statements bei einer Schlosspark-Umfrage über den Journalisten und Schriftsteller Alexander Osang war komplizierter als gedacht. Offenbar ist es schwer, einen Schreibstil zu beschreiben, versuchte Moderator Robert Rauh die Pankower zu verteidigen. Bevor die Umfrageergebnisse eingespielt wurden, wollte er von seinem Gast wissen, welche Charakteristika seines Schreibens die Leser nennen würden. Alexander Osang überlegte einen Moment. Und auch er befand: Das sei schwer zu sagen. Wahrscheinlich würden sie sagen: „Ganz lustig, manchmal fies. Was der sich alles traut. Was sagen die Leute dazu, über die er geschrieben hat. Ich würde mich ja nicht gern von ihm porträtieren lassen. Dabei wirkt er eigentlich immer so nett.“  Ganz so kritisch fiel die Beschreibung seiner Leser erwartungsgemäß nicht aus. Am besten gefiel Alexander Osang die Aussage einer jungen Frau: „Es wirkt nicht plakativ oder aufgesetzt. Man hat nicht das Gefühl, dass er etwas will (...). Man kommt übers Lesen ins Nachdenken. Und man schmunzelt viel.“

 

Auch der Moderator, sonst um Neutralität bemüht, outete sich als Osang-Fan und zeigte als Beweis den Stapel gesammelter Kolumnen aus der Berliner Zeitung. Aus einem Text für die Rubrik „Freitag nach eins“ von 1995 zitierte er Alexander Osangs Reflexion über eine Lesung in der Bibliothek Roßlau, zu der nur zehn Leute erschienen waren. Er habe die vielen leeren Stühle gesehen, die Blicke der Bibliothekarin, „in denen sich Bedauern mit der Erkenntnis mischte, leider eine unbekannte Niete aus der Hauptstadt eingeladen zu haben“. Das sei ja heute anders, meinte Rauh, „das Gespräch mit Alexander Osang im Schloss war nach 24 Stunden ausverkauft“. Und er berichtete, er habe bei einer Lesung im letzten Jahr beobachtet, wie die Frauen, vor allem zwischen 40 und 50, beim Signieren um den Tisch von Alexander Osang dahin schmolzen. Ob er das wahrnehme? Schwer zu sagen. Beim Signieren, so der Autor etwas verlegen, schaue man ja meistens runter. Er habe immer das Gefühl, die Leute hätten viel zu große Erwartungen an ihn. Am besten müsste man nach der Lesung sofort abhauen, damit dieses „Superbild“ erhalten bleibe, in ihren Köpfen, „damit sie auch ohne mich, allein bei dem Gedanken an mich, dahin schmelzen“.

 

Im Schloss - bei gefühlten 30 Grad - bekam man nun das Gesicht, ja den „ganzen Typ“ zu den gelesenen Texten, wie Rauh vor dem Gespräch ankündigte. Und nicht jede(r) schmolz dahin. Man erlebte einen Autor, der mit Sneakers cool in den Festsaal hereinschlenderte und dann bei fast jeder Frage erst mal auf dem Rokoko-Stuhl hin und her rutschte; einen Autor, der angespannt wirkte und zugleich hochkonzentriert; einen Autor, der bis zum Schluss reserviert und kühl blieb und sich dennoch öffnete: Denn hier rang ein brillanter Schreiber - mit Händen und Füßen - um das gesprochene Wort. Immer wieder der Satzfetzen: „Extrem schwer zu sagen.“ Das wurde gleich zu Beginn deutlich: Ohne Rede-Pause unterbrach sich Alexander Osang selbst: „Während ich spreche, überhaupt darüber nachdenke, wird es eine so bisschen konfuse Antwort. Das wird sicher nicht das letzte mal heute Abend sein.“ Moderator Robert Rauh neigte sich zum Mikrofon: „Das ist kein Problem.“ Und Alexander Osang grinsend: „Danke. Ick hatte jehofft, Sie widersprechen mir.“

 

Zum Glück ließ Rauh seinen Gast (aus)reden. Auch wenn man sich gewünscht hätte, dass er an der einen oder anderen Stelle nachhakt. Als es zum Beispiel um „Heimat“ ging: Alexander Osang erläuterte, Heimat sei wahrscheinlich am ehesten, „wo meine Familie ist. Berlin hat viel mit Heimat zu tun. New York war für mich Heimat. Wo ich am ehesten empfunden habe, was Heimat ist, obwohl es eine fremde Stadt war. Wenn ich in die Stadt zurückgeflogen kam, hatte ich das Gefühl nach Hause zu kommen (...) Das war sehr seltsam; ein Gefühl, was ich in Berlin nie so hatte.“ Als Osang dann ergänzte: „Ich bin jemand, der gerne wegrennt, bin jemand, der gerne unterwegs ist. Das ist das Gefühl, bei dem ich mich am wohlsten fühle. Also dieses Aufbrechen, immer in Bewegung sein“, hätte man sich eine Nachfrage gewünscht. Bei anderen Themen führte das zu sehr privaten Einblicken: Alexander Osang erzählte, wie er anlässlich einer drohenden Bestrafung für eine unerlaubte Party während seines „Wachdienstes“ im Leipziger Studentenwohnheim Kandidat der SED wurde. Das klinge jetzt alles sehr komisch, aber es sei die „furchtbarste Geschichte“ seines Lebens. Er habe zum Beispiel bis heute noch nie mit seinem Vater darüber gesprochen. Hier hakte Rauh nach: „Warum nicht?“ Osang seufzte tief: „Ich weiß auch nicht. Weil ich es ansprechen müsste beim Kaffee. Aber wenn man es einmal verpasst hat, ist es irgendwie schwer, da noch mal anzufangen.“

 

Moderator Robert Rauh versuchte wieder möglichst viel zu thematisieren: Alexander Osang als jugendlicher Katholik, als Student der DDR-Journalistik, als SED-Kandidat, als Romanautor, als Drehbuchschreiber, als SPIEGEL-Redakteur und als Ehemann, der zusammen mit seiner Frau im letzten Jahr ein Buch über ihren 11. September 2001 in New York herausgegeben hat. Weniger wäre wahrscheinlich mehr gewesen. Besonders erfreut zeigte sich Osang über die Prenzlauer Berg-Karte mit allen relevanten Orten zu seinem Berlin-Roman „Königstorkinder“, die Medien-Assistent Matthias Pasler per Mausklick auf der Leinwand nun „nachlieferte“. 

 

Und Alexander Osang musste den Beweis antreten für seinen Anspruch, bei seinen Lesungen auch Entertainer zu sein: Kenntnisreich absolvierte er – fast ohne Joker – ein Fußball-Quiz, verzichtete nicht auf Anekdoten und ließ wie von Zauberhand auf der Leinwand die Amiga-Platte „Double Fantasy“ von John Lennon und Yoko (aus der DDR!) drehen, damit man auch die Rückseite des Covers sieht. Mit (s)einem Foto von New York: Eine Stadt, von der der junge ostdeutsche Alexander glaubte, dass er sie nie in seinem Leben sehen würde. Das war einer von vielen berührenden Momenten in diesem Gespräch. Zum Abschluss musste auch Alexander Osang die „5 Halbsätze“ absolvieren. Als Rauh ihm dazu ein (natürlich ostdeutsches) Bier anbot, damit er „lockerer“ werde, konterte Osang unter dem Gelächter des Publikums: „Haben Sie das Gefühl, dass ich verspannt bin?“

 

Christian Wagenburg

 

 

Zur Biografie

 

Alexander Osang (geb. 1962) wuchs in der DDR auf und studierte in Leipzig Journalistik. Eigentlich wollte er Sportreporter beim Fernsehen werden: weil das „nicht so politisch“ gewesen sei und man auch die Möglichkeit gehabt hätte, „mal in den Westen zu reisen“. Seit der Wiedervereinigung schreibt er u.a. für die Berliner Zeitung und den Spiegel - und entwickelte sich zum exzellenten Beobachter ostdeutscher Befindlichkeiten. Insbesondere seine eindringlichen, pointierten und vielfach ausgezeichneten Porträts prominenter und „normaler“ Menschen stellen „die Ausnahmequalität dieses Reporters“ unter Beweis und machten ihn nicht nur im Osten populär. 


Im letzten Jahr veröffentlichte Alexander Osang seinen Roman „Königstorkinder“ und zusammen mit seiner Frau und Kollegin Anja Reich das Buch: „Wo warst du? Ein Tag im September“ über den 11.9.2001 in New York. 

 

 

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