Schönhausener Schlossgespräche
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Andrej Hermlin

25. April 2012

 

 

Besser kann ein Moderator nicht vorbereitet sein.
Und zu jedem Satz das passende Bild ...
Ich bin beeindruckt!
Ein spannender Abend ... hoffentlich auch für die Besucher!
Andrej Hermlin 25.4.2012

 

 

„Ich habe kein Image!“

 

Man war hin und her gerissen. Den ganzen Abend. Ist Andrej Hermlin nun sympathisch oder nicht? Mit dieser Frage beschäftige sich offenbar auch der Aufbau-Verlag, der im letzten Jahr die Autobiografie „My Way“ von Andrej Hermlin (47) herausgegeben hat. Der Verlag hätte ihn gezwungen, so der Gast, die schlimmsten Sachen rauszunehmen: „Machen Sie das bloß nicht! Dann kommen Sie so unsympathisch rüber.“ Vielleicht ist das ein Grund für die positive Aufnahme des Buches - auch zur Überraschung des Autors. Andrej Hermlin hätte sich „ehrlich gesagt“ gewünscht, „Prügel“ dafür zu bekommen. „Denn ich mag den Widerspruch mehr.“

 

Als Widerspruch von Moderator Robert Rauh am Ende des Gesprächs kam, wurde Andrej Hermlin laut und ungehalten. Rauh hatte seinen Gast auf die Angriffe gegen dessen Vater angesprochen. Stephan Hermlin, ein berühmter DDR-Schriftsteller, wurde Mitte der 1990er-Jahre mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe Stationen seiner Biografie verfälscht oder frei erfunden. Der Sohn hatte den Vater in Schutz genommen und öffentlich verteidigt. Pauschal disqualifizierte Andrej Hermlin Karl Corino, den Autor des Buches über seinen Vater: „Für einen Literaturwissenschaftlicher kann er ziemlich schlecht Bücher lesen“ – und ließ auch sonst kein Gegenargument gelten. Als Rauh nachhakte, z.T. hätten die falschen Angaben auch in Literaturlexika gestanden und es wäre doch einfach gewesen, diese zu korrigieren, um den Kritikerin den Wind aus den Segeln zu nehmen, reagierte Andrej Hermlin empört und aufbrausend: Es sei eben ein Unterschied, ob jemand z.B. als Mitglied der Waffen-SS enttarnt werde „oder ob ein verfolgter Jude, der mit knapper Not dem Holocaust entkommen ist, hier und dort vielleicht etwas vergessen oder falsch gesagt hat. Und jetzt sage ich Ihnen auch mal was: Die Deutschen, nachdem was sie angerichtet haben, haben erstmal höflich um Erlaubnis zu fragen, ob sie einen Juden in dieser Art und Weise in Bedrängnis bringen. (...) Es ist eine Schande. Und wissen Sie was: Irgendwann setze ich mich in ein Flugzeug und fliege nach Kenia.“ 

 

Dass der Abend dennoch „sehr unterhaltsam“ war, wie auch Andrej Hermlin am Ende einräumte, lag wie immer am Organisationsteam der Schlossgespräche. Unterstützt von Bildern, Schlagzeilen und Filmausschnitten erhielt der Gast ausreichend Gelegenheit zu erzählen: über seine Kindheit in der DDR mit dem berühmten Vater, über sein Außenseiterdasein in der Schule und über seinen Weg zur großen Liebe, dem Swing. 

 

Sehr ehrlich sprach Andrej Hermlin über die Reiseprivilegien. Bereits mit vier Jahren fuhr er 1969 das erste Mal in den Westen. Ja, er habe mit seinen Eltern darüber gesprochen, vor allem in den 1980er-Jahren. Auch nach der Wende. Einen Konflikt hätte er da vor allem mit seiner Mutter gehabt, „weil ich den Eindruck hatte, dass sie sich zu sehr daran gewöhnt hatte, es stünde ihr zu.“ Ihm dagegen hätten diese Reisen nicht zugestanden: „Ich hatte das Glück der Geburt. Mehr nicht. Ich hatte mir mit nix dieses Privileg verdient.“ Er sei dabei durch verschiedene Phasen gegangen: „Als Kind war mir das klar, dass ich an Orte fuhr, zu denen meine Klassenkameraden nicht reisen durften. Es gab eine Phase, in der ich es verstecken wollte, weil mir das ungeheuer peinlich war. (...) Und dann gab es eine Zeit, Anfang der 1980er-Jahre, als ich nicht mehr zurückkommen wollte, weil mich die DDR furchtbar geärgert hat.“ Sie sei ihm bei der Rückkehr immer so grau und hoffnungslos erschienen. Warum er denn nicht im Westen geblieben sei, wollte Rauh wissen. Andrej Hermlin führte drei Gründe an: Er wollte seine Eltern „nicht tödlich treffen“ und er sei feige gewesen, weil er sich nicht vorstellen konnte, dort zu leben. Er habe schlichtweg Angst davor gehabt. Und dann sei Gorbatschow an die Macht gekommen. Sein Gefühl: „Jetzt ist der Westen langweilig. Nun passieren die großen Dinge bei uns.“  

 

Immer wieder gelang es dem Moderator, seinen Gast zu überraschen: Mit dem neuen Foto-Band über das Swing Dance Orchestra zum 25-jährigen Bandjubiläum, der laut Hermlin noch gar nicht im Handel sei, mit Interviewschnipseln von Besuchern eines Hermlin-Konzertes im März 2012 und einem Lehrer der Musikhochschule, der „verriet“, sein Student Andrej sei „auch als Theoretiker eine wahre Freude gewesen“. Der Gast musste dann erraten, für welches Referat ihm der Professor für Kulturtheorie einst eine Eins gegeben hatte. Mit einem Telefonjoker hätte Andrej Hermlin sicher die richtige Antwort gegeben: für ein Referat über den Stalinismus. 

 

„Grenzwertig“ empfand Moderator Robert Rauh allerdings, wie Andrej Hermlin durch sein Musik-Examen an der renommierten Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler gekommen sei. Als Anwalt des Lehrerverbandes würde er die entsprechenden Stellen in der Autobiografie für Schüler und Studenten schwärzen lassen. Man könne das auch anders sehen, konterte darauf hin Andrej Hermlin und argumentierte eloquent in der Rolle seines Anwalts, warum ihm der aus seiner Sicht „tragfähige Kompromiss“ - der Kandidat hatte der Prüfungskommission eine 4 angeboten - durchaus zugestanden hätte. Außerdem sei das jetzt nach über 20 Jahren verjährt. 

 

Ob es eine rationale Erklärung dafür gäbe, warum er sich bereits als Kleinkind in den Swing verliebt habe? Nein, eigentlich sei das unlogisch: „DDR-Kind, Mutter Russin, Vater Schriftsteller. Wir waren nie in Amerika und haben auch keine Freunde dort.“ Er hätte früher nie drüber nachgedacht. Erst seit er danach gefragt werde. Früher sei das logisch gewesen - wie Wasser trinken und atmen.

Am Ende ging es noch einmal um das Image von Andrej Hermlin. Er habe gar kein Image! Frisur, Anzug, die Musik – alles Dinge, der er schön finde. Ihm gehe es vor allem darum, dass der Swing lebe und nicht in Vergessenheit gerate. Und überhaupt: Wer ihn „Genosse Dandy“ oder „Salonsozialisten“ nenne, schreibe wahrscheinlich für den SPIEGEL. Apropos Klamotten: „Ich trage immer Anzug. Ich habe gar nischt anderes.“ Im Park, in Kenia, beim Spielen mit dem Sohn! Allerdings habe er sich neulich erst eine „Jeanshose“ gekauft. Die sei jedoch extrem unbequem.

 

Er war sicher kein bequemer Gast. Aber unsympathisch war Andrej Hermlin eigentlich nicht! Immerhin räumte er sogar ein: „Was die Selbstgerechtigkeit angeht: Es ist besser geworden. Ich war schon schlimmer.“

 

Christian Wagenburg

 

 

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Friedrich Schorlemmer