Schönhausener Schlossgespräche
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Friedrich Schorlemmer

7. März 2012

 

 

"Gut ist, was gut tut"
Friedrich Schorlemmer
7.3.2012

 

 

„Die Frage habe ich mir nie gestellt.“

 

Friedrich Schorlemmer ist ein begnadeter Rhetoriker. Mit einem Hang zum Predigen. Über Gott und die Welt. Dabei das Publikum immer fest im Blick. Moderator Robert Rauh hatte diesmal Mühe, den Gesprächsfaden zu halten, denn sein Gast zog die ganz großen Bahnen: durch seine Biografie, weit in die Geschichte und rund um den Erdball. Kosmopolit Schorlemmer. Und fast immer druckreife Sätze.

 

Aber es gab auch sehr persönliche, berührende Momente. Auf die Frage, ob es konstruiert sei, wenn man einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Kriegsberichten des Vaters und der Wehrdienstverweigerung des Sohnes im Jahr 1962 herstelle, antwortete Schorlemmer zunächst provozierend: „Jeder konstruiert sich seine Biografie!“, um dann zu erläutern, wie sehr ihn die Geschichten seines Vaters über den 2. Weltkrieg sowie das Schicksal des im 1. Weltkrieg verschollenen Großvaters bewegt und geprägt hätten. Dann wollte Rauh wissen, wie die Eltern denn auf seine Wehrdienstverweigerung reagiert hätten. Kurz und bündig: „Sauer.“ Seine Mutter habe gesagt, Junge, warum tust du uns das an? Er hätte die Eltern nicht mehr auf seiner Seite gehabt. Fügt aber gleich hinzu: „Ich verstehe sie heute. Meine Mutter wollte nicht, dass der Älteste ins Gefängnis kommt.“  Rauh hakt nach: „Welche Reaktion hätten sie sich denn gewünscht?“ Schorlemmer antwortet leise: „Die Frage habe ich mir nie gestellt“ und ergänzt nach kurzem Überlegen: „Ich hätte mir gewünscht, dass meine Eltern sagen: Junge, wir stehen zu dir. Es wird ein schwerer Weg, aber wir stehen zu dir.“


Friedrich Schorlemmer will sich jedoch nicht falsch verstanden wissen: Je älter er werde, desto mehr spüre er, was er seinem Vater verdanke.

 

Immer wieder Versöhnung. EIN Lebensprinzip des Pfarrers im (Un-)Ruhestand. Wenn man über andere Generationen urteilt, so Schorlemmer, muss man sehr vorsichtig sein – und die ganzen Lebensumstände mit in den Blick nehmen, um Menschen zu verstehen. Und nicht mit einem Vorurteil herangehen, um sie abzuurteilen. Das gelte auch für die DDR, für die Menschen, die wirklich ehrlichen Herzens geglaubt und sich dafür eingesetzt hätten, dass das die bessere Gesellschaft sei. Dem Gast gelingt immer wieder, die persönliche Familiengeschichte in einen größeren historischen und gesellschaftspolitischen Kontext zu bringen, ohne beliebig zu werden.

 

Zur Sprache kommen nicht nur die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ von 1983, sondern auch seine Teilnahme an der legendären Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989. Der Moderator spricht in diesem Kontext auch Schorlemmers fiktive Rede an, in der die Mauer zentrales Thema ist. Darin fordert der Pfarrer aus Wittenberg: „Wir lassen uns nicht weiter, nicht einen Tag länger einmauern.“ Die Mauer müsse weg!  Und ruft auf „zum großen Spaziergang des Volkes in die Freiheit!“ Warum er diese Rede nicht gehalten habe? Wir wollten, so Schorlemmer rückblickend, kein Öls ins Feuer gießen. Und wörtlich: „Wenn ich diese Rede gehalten hätte, die Leute waren an dem Tag bereit, es zu machen. Aber wie wäre das dann abgelaufen? Wenn nach der Veranstaltung diese 700.000  Leute zur Mauer gegangen wären? Was wäre dann passiert? Welches Chaos wäre dann entstanden?“ Interessant auch, was Rauh aus seinem Geschichtsunterricht erzählt: Er habe die beiden Reden vergleichen lassen und die Schüler hätten mehrheitlich die fiktive Rede für die tatsächliche gehalten. Mit der Begründung, der Redner habe doch die Ereignisse vorweggenommen. Schließlich sei fünf Tage später die Mauer gefallen. 

 

Natürlich durfte auch nicht Schorlemmers Stellungnahme zum Rücktritt des alten sowie zur Wahl des neuen Bundespräsidenten in zwei Wochen fehlen. Über Wulff polemisierte er laut in den Saal: „Auch die westdeutsche Gesellschaft muss darüber nachdenken, wie es kommt, dass dort solche Menschen groß werden können.“ Allerdings sollte man Christian Wulff jetzt auch nicht zu einer persona non grata machen. Er sei lediglich ein Schnäppchenjäger!


Auf seine bereits öffentlich geäußerte Kritik am Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck angesprochen, erklärte Schorlemmer zunächst, er habe vor ca. 16 Jahren mit Gauck verabredet, miteinander und nicht übereinander zu reden. Applaus! Dann aber: Jetzt müsse er aber etwas dazu sagen! Wer nur über Freiheit spreche und „das Thema der sozialen Gerechtigkeit und den Umweltschutz nicht auf dem Schirm hat, sollte so eine Amt nicht antreten wollen.“ Auf den Einwand Rauhs, man sollte Joachim Gauck doch eine Chance geben, schließlich habe Schorlemmer das auch Horst Köhler vorhin zugestanden, denn Gauck sei ja noch nicht mal gewählt, reagierte der Gast schmunzelnd: Man dürfe doch keinen Menschen aufgeben. Und: „Hoffentlich ergibt sich das, was in der Bibel auch als ein Wunder beschrieben wird. Dass ein ganz alter Mann sich noch ändert. Ich will das Wunder noch glauben.“

Was er 2017 machen werde, wollte Moderator Robert Rauh zum Schluss wissen. Er werde, so Friedrich Schorlemmer stolz, in Wittenberg auf dem Marktplatz die Schrift „Klage des Friedens“ von Erasmus von Rotterdam lesen. Die sei dann nämlich 500 Jahre alt.

 

Christian Wagenburg

 

 

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