Schönhausener Schlossgespräche
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Corinna Harfouch & Robert Rauh lesen aus Werken von Christa Wolf

8. Februar 2012

 

„Los! Jetzt singen wir gemeinsam auch ein Lied!“

 

Das war ohne Frage der Höhepunkt des Abends: Nahezu atemlos, temperamentvoll und humorvoll las Corinna Harfouch die „Nacht der Lieder“ aus Christa Wolfs Roman Stadt der Engel, die Nacht, in der die Ich-Erzählerin alle ihr bekannten Lieder singt, weil sie nicht schlafen kann: von We shall overcome über Das Wandern ist des Müllers Lust bis hin Es blies der Jäger wohl in sein Horn. Begeisterter Szenenapplaus. Dann rief Corinna Harfouch zum gemeinsamen Singen auf, fragte das Publikum nach Vorschlägen und griff zu ihrem Liederbuch. Und dann geschah etwas sehr Berührendes: Der ganze Saal sang Die Gedanken sind frei.
Eigentlich war das Publikum zu einer Lesung gekommen, die von der Schauspielerin Corinna Harfouch und Moderator Robert Rauh in Gedenken an die 2011 verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf im Schloss Schönhausen organisiert worden war.

 

Im ersten Teil las Corinna Harfouch aus Medea einen Text, der sie - wie sie zur Einführung sagte - schon lange begleite und beschäftige: Die Geschichte der Medea, die als Mörderin ihrer Kinder und ihres Bruders Absyrtos in die Mythologie eingegangen ist, wird von Christa Wolf entmystifiziert - und hinterfragt. Dass Medea eine Mörderin sein soll, ist nicht mehr als ein Gerücht, um die starke und ungepasste Medea aus dem königlichen Palast zu vertreiben. Sie wird zum Sündenbock der Bewohner von Korinth, die ihre eigene unbewältigte Vergangenheit verdrängen. Dieser Text entfaltet seine sprachliche Kraft wohl erst, wenn er vorgetragen wird von einer Künstlerin, die ihn intellektuell und emotional durchdrungen hat. Harfouchs Rezitation bewies das meisterhaft! 

 

Den zweiten Teil der Lesung bestimmte Christa Wolfs letzter Roman Stadt der Engel. Bei der Textauswahl hatte man sich von einem „Strukturprinzip“ leiten lassen, wie Moderator Robert Rauh dem Publikum - und auch der Schauspielerin noch einmal schmunzelnd - erklärte: die Begegnungen und Gespräche zwischen der Erzählerin, die Anfang der Neunziger für einen Studienaufenthalt in Los Angeles weilt, und der Romanfigur Peter Gutmann. Der Studienkollege wird zu einem Seelenverwandten, dessen eigenes Scheitern über die Biografie eines Philosophen (Walter Benjamin) die Selbstzweifel der Autorin spiegelt und zugleich ins Existenzielle aufhebt. Der intellektuelle Flirt mündet nicht in einer Liebesgeschichte, sondern in der Diskussion über die DDR-Vergangenheit der Erzählerin (= Christa Wolf) mit einem männlichen Doppelgänger, der nachfragt, relativiert, aufheitert -  und sie ermutigt: „Du kannst davon berichten.“

 

Harfouch und Rauh lasen bewusst nicht in Rollen, sondern abschnittsweise. Er voller Bewunderung für ihr Können und sie voller Freude und Anerkennung darüber, dass er einen Duktus gefunden hatte, mit dem sich ihre Art vorzutragen, überraschend gut ergänzte. Selten so viel Applaus bei einer Lesung erlebt. 

 

Wer in der Stadt der Engel nachschlägt, wird sehen, dass sich dort nur die erste Zeile des Gedichtes Sei dennoch unverzagt findet. Corinna Harfouch las Flemings Text jedoch komplett. Sie hatte ihn bei der Beisetzung von Christa Wolf auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof am 13. Dezember 2011 vorgetragen. Es war das Lieblingsgedicht der Schriftstellerin. 

 

Christian Wagenburg

 

 

 

Zum Hintergrund der Lesung

 

Was bedeutet für Sie Christa Wolf? Die Schauspielerin Corinna Harfouch überlegte lange, bevor sie die Frage von Moderator Robert Rauh zu Beginn eines Gespräches im Schloss Schönhausen am 30. November 2011 beantwortete: Christa Wolf sei ein ganz großer Teil Heimat, geistige Heimat. Sie habe einen unglaublich angespornt ernsthaft zu sein, nachzudenken. Die Schriftstellerin sei wie Familie, eine ständige Begleiterin. Robert Rauh berichtete dem Publikum dann, Christa Wolf hätte es sehr bedauert, ein im Oktober geplantes Schlossgespräch absagen zu müssen. Sie hoffe aber sehr, das Gespräch 2012 nachzuholen. Niemand im Saal wollte an diesem Abend ahnen, dass es dazu nicht mehr kommen würde ...


Nun trafen Corinna Harfouch und Robert Rauh erneut im Schloss Schönhausen zusammen, um aus dem literarischen Werk der am 1. Dezember 2011 verstorbenen Schriftstellerin zu lesen.

 

 

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