Schönhausener Schlossgespräche
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irina liebmann

7. September 2011

 

 

Vielen Dank für die schöne Einladung und die spannenden Fragen!
Herzlich Irina Liebmann
7. September 2011

 

 

„Nein, DAS verrate ich Ihnen nicht“

 

Nichts in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, so Irina Liebmann, biete eine solche Dramatik wie die kommunistische Bewegung. Dass ihr Vater ein Teil dieses Dramas war, schilderte die Autorin kenntnisreich und beeindruckend – als Gast des 4. Schönhausener Schlossgespräches am 7. September 2011. Analog zu ihrem erfolgreichen und mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Buches Wäre es schön? Es wäre schön! blätterte Moderator Robert Rauh in „drei Akten“ die politische Biografie Ihres Vaters Rudolf Herrnstadt auf. Der Journalist und Kommunist Herrnstadt, zunächst Redakteur des berühmten Berliner Tageblatts unter Theodor Wolff, dann – nach dem 2. Weltkrieg – Chefredakteur der Berliner Zeitung und ab 1949 in der DDR Chefredakteur des Neuen Deutschland sowie Kandidat des Politbüros verlor aufgrund seiner Kritik an der SED und Ulbrichts Führungsstil infolge des 17. Juni 1953 seine Ämter, wurde aus der Partei ausgeschlossen und nach Merseburg versetzt. Aus der Partei ausgeschlossen zu werden, bedeutete für einen Kommunisten, dass ihm der Sinn seines Lebens genommen wurde. Eine Flucht in den Westen kam für ihn jedoch nicht in Frage, so die Tochter.

 

Irina Liebmann erzählte auch, wie sie die Entmachtung ihres Vaters im Juli 1953 erlebte - als Kind auf den Straßen des abgesperrten Pankower „Städtchens“ (Majakowskiring), in dem die Politbüro-Mitglieder mit ihren Familien wohnten: „Irina kann doch nichts dafür, dass ihr Vater jetzt ein Feind ist.“ Aber die Strafversetzung in die DDR-Provinz hatte auch ihre guten Seiten. Die Tochter erlebte ihren Vater nun als Familienmensch: „Er lebt, wie er niemals gelebt hätte als Funktionär. Und das fand ich gut.“

 

Verraten wollte Irina Liebmann allerdings nicht, in welcher Straße sich „ihr“ Berliner Mietshaus von 1982 befindet. Das habe sie den Bewohnern damals versprochen. Stattdessen kommentierte sie ausführlich ihre Fotos aus dem Buch Stille Mitte von Berlin, die das Viertel rund um den Hackeschen Markt Anfang der 1980er-Jahre abbilden. Zusammen mit dem Publikum zeigte sich Irina Liebmann erfreut über die aktuellen Fotos der gleichen Ansichten von 2011, die Moderator Robert Rauh extra für das Schlossgespräch aufgenommen und den alten Aufnahmen gegenüberstellt hatte.

 

Und es gab eine Premiere für die Schlossgespräche: Erstmals erklang Musik! Das f-Duo, Franziska Blazey (Gesang) und Florian Wessel (Klavier), präsentierten zu Beginn und am Ende des Gesprächs russische Lieder.  

 

 

Zur Biografie

 

Irina Liebmann wurde 1943 als Tochter der Russin Valentina und des Deutschen Rudolf Herrnstadt in Moskau geboren. Sie wuchs in Berlin, Merseburg, Halle auf und studierte in Leipzig Sinologie. Zunächst arbeitete sie zwischen 1966-1975 als Redakteurin der Zeitschrift „Deutsche Außenpolitik“ im Ressort Entwicklungsländer. Seit 1975 ist sie freie Autorin, u.a. für die Zeitschrift „Wochenpost“. Bekannt wurde sie mit ihrem ersten Buch Berliner Mietshaus, das 32 Porträts von Menschen in Prenzlauer Berg aus dem Jahr 1980 enthält - ein sparsam kommentiertes Bild der Ostberliner Gesellschaft. 1988 siedelte sie von Ost- nach Westberlin über. Irina Liebmann schreibt Erzählprosa, Theaterstücke, Hörspiele und Reportagen und wurde für ihr literarisches Werk vielfach ausgezeichnet. Für ihr Buch Wäre es schön? Es wäre schön! erhielt sie 2008 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse.

 

 

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